Der Fluch der Sirene

1

Regenwolken hingen tief und dunkel am Himmel, als Cindy die Augen aufschlug.
Sie versuchte, den Kopf zu heben, fiel aber, von einer Welle des Schwindels erfasst, auf den Teppich zurück. Benommen wunderte sie sich, warum sie dort lag, und nicht auf dem Sofa. Jetzt erst spürte sie den stechenden Kopfschmerz, der sich vom Hinterkopf über ihr Gesicht auszubreiten schien. Mit einem bitteren Geschmack im Mund ließ sie ihren Blick durch das gemütlich eingerichtete Zimmer zum Couchtisch gleiten, in der Hoffnung, ihr noch halb gefülltes Wasserglas zu finden.
„Oooh, verdammt.“
Cindy rollte sich auf die Seite und igelte sich ein, bis ihre Knie fast ihr Kinn berührten. Wie auf Knopfdruck kam die Erinnerung zurück. Während sie ihren Couchtisch mit Holzpolitur bearbeitet hatte, war plötzlich eine dunkle Gestalt vor dem Wohnzimmerfenster aufgetaucht. Der Schatten hatte Cindy sekundenlang aus unsichtbaren Augen angestarrt, bevor er plötzlich verschwunden war. Nicht weggegangen, sondern einfach verschwunden. Als hätte er sich in Luft aufgelöst. Bevor sie darüber nachdenken konnte, war Cindy lautlos in sich zusammen gesackt. Anscheinend war sie mit dem Kopf so hart auf dem Boden aufgeschlagen, dass sie das Bewusstsein verloren hatte.
Sie schielte zu der großen Uhr über dem Fernsehgerät, wo sie das Wasserglas entdeckte, das sie zum Säubern des Tisches dort abgestellt hatte. Beinahe eine halbe Stunde war vergangen.
„So ein Mist!“ Sie hatte ihren Termin in der Redaktion versäumt! Das war ihr, seit sie Journalistin war, noch nie passiert.
Cindy raffte sich auf und stolperte ins Bad, wo sie versuchte, sich zu schminken. Die Wände drehten sich immer noch in entgegengesetzter Richtung zu ihrem Magen. Schließlich half nichts mehr und sie musste sich übergeben. Während sie kopfüber der Toilette hing und der hämmernde Kopfschmerz proportional zu ihrem Würgereflex abnahm, fragte sich Cindy, ob sie eventuell eine Gehirnerschütterung davongetragen hatte. Doch dann schalt sie sich selbst als übermäßig dramatisch und verwarf den Gedanken. Ein paar Kopfschmerztabletten, und die Welt wäre in kürzester Zeit wieder in Ordnung.
Als sie sich wieder im Griff hatte, dank Puder und ausreichend Rouge einigermaßen vorzeigbar
aussah und die Wohnung gerade verlassen wollte, klingelte das Telefon.
Cindy sprintete ins Wohnzimmer.
„Hamilton.“
„Cindy, warum bist du zu Hause? Eigentlich hatte ich erwartet, deinen hübschen Hintern seit einer Viertelstunde in meinem Büro bewundern zu können.“
Sie setzte sich auf die Armlehne ihres Sessels und ignorierte den offensichtlichen Flirtversuch ihres Chefredakteurs.
„Ich weiß. Entschuldige, Cliff. Ich bin eingeschlafen. Ich habe gestern wohl doch zu lange an dem Artikel gesessen.“ Schallendes Gelächter am anderen Ende der Leitung. „Du bist was? Herzchen, Nickerchen halten kannst du auch gerne in meinen Armen.“
Sie versuchte, zu lachen, doch es klang genauso unecht, wie es gemeint war.
„Hey komm, lass einen armen, abgewiesenen Teufel doch einen Scherz machen.“
„Soll ich noch vorbeikommen, oder besprechen wir den Artikel morgen?“
Zu ihrer großen Verwunderung herrschte langes Schweigen auf der anderen Seite.
„Cliff?“
Er räusperte sich. „Cindy, ich weiß nicht genau, wie ich es dir sagen soll.“
Cindy spürte, wie die Übelkeit zurück kam und ihre Hände nervös zu zittern begannen.
„Was ist denn los?“
Wirr schossen ihr tausende Gedanken durch den Kopf. War die Zeitung bankrott, wurden sie alle gekündigt?
Sie ließ sich von der Armlehne auf die Sitzfläche des rot gemusterten Sessels rutschen und versank augenblicklich in der weichen Polsterung.
„Weißt du, es ist jetzt schon das dritte Mal, dass du angeblich eingeschlafen bist. Zweimal bist du einfach im Büro zusammengeklappt und hast mir irgendeinen Mist erzählt, um es herunterzuspielen.“
Cindy schluckte. Es stimmte, in den letzten drei Wochen war sie oft zusammengebrochen.
„Was willst du damit sagen?“ Sie flüsterte fast, da sich ihre Kehle vor Angst zuschnürte. Ihr Mund war plötzlich staubtrocken.
Wieder ein Räuspern. „Cindy, ich denke, du solltest dir mal eine Auszeit nehmen. Erhole dich, unternimm eine Reise. Und lass dich mal gründlich von einem Arzt durch checken. Wenn du wiederkommst, schauen wir weiter.“
Die junge Frau startete einen letzten Versuch, rational und professionell zu klingen und die Situation wieder ins Lot zu bringen.
„Komm schon, Cliff! Überleg dir mal, wie viele Artikel ich in den letzten Monaten geschrieben habe. Ich bin einfach nur etwas überarbeitet. In ein paar Wochen hab ich sowieso Urlaub! Ich komme morgen wieder pünktlich ins Büro und werde nicht mehr zusammenbrechen. Es gibt keinen Grund zur Sorge.“
„Nein. Ehrlich, Cindy. Bob hat mich gebeten, es dir so schonend wie möglich beizubringen. Er hat seine Entscheidung gefällt, zu deinem Besten. Damit du dich erholen kannst.“
Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie konnte nicht sagen, ob er von Wut oder Scham herrührte.
„Bob?!“ Der oberste Chef persönlich hatte ihr die Auszeit verordnet! Das war tatsächlich außerordentlich peinlich! Was würden ihre Kollegen sagen?
„Cliff, bitte! Ich reiße mich zusammen, ich verspreche es! Ich meine … verdammt, ihr könnt mich nicht einfach so feuern!“
„Um Himmels Willen, Cindy! Du bist doch nicht gefeuert! Du hast nur … erbetenen Urlaub. “
„Und wenn ich ausgeruht bin, werde ich auf Probezeit gesetzt, um zu sehen, wie ich mich halte?“
Cindy wusste, dass sie laut und unsachlich wurde, konnte aber nichts dagegen tun.
Wütend wischte sie die Flut von Tränen weg, die sich nun nicht mehr aufhalten ließ. Sie wusste selbst, dass sie völlig irrational reagierte, aber es war ihr herzlich egal.
„Cindy, bitte! Du weißt genau, dass es nicht so gemeint ist!“
„Da hast du allerdings recht. Ich weiß genau, wie es gemeint ist. Ich habe mit dir geschlafen und es dabei belassen. Das hat dir nicht gepasst, und da kamen dir meine vorübergehenden gesundheitlichen Probleme sehr zugute, nicht wahr? Du brauchtest nur ein paar Worte gegenüber Bob fallen zu lassen.“
Sie hörte, wie ihr Chef am anderen Ende der Leitung vor Wut schnaubte.
„Cindy, das reicht jetzt. Ich komme vorbei. Beweg dich nicht von der Stelle. Am Telefon sollten wir das nicht besprechen.“
Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte er aufgelegt. Panisch starrte Cindy auf das Telefon. Er würde nur wenige Minuten zu ihr brauchen. Cindy hatte sich vor zwei Jahren mit Absicht eine Wohnung gesucht, die möglichst nahe an der Redaktion lag. Ihr blieb gerade noch genug Zeit, sich das Gesicht zu waschen und flüchtig das Puder aufzufrischen, bevor es an der Tür klingelte. Wenn sie sich schon streiten musste, wollte sie dabei nicht verweint aussehen.
Sie betätigte widerwillig den Türöffner und ließ sich trotzig wieder in ihren Sessel gleiten, während Cliff die Distanz von der Wohnungstür zum Wohnzimmer im Sturmschritt zurücklegte und sich vor ihr aufbaute. Schnell stellte Cindy fest, dass die Entscheidung, sich in den Sessel zu setzen, ziemlich dumm gewesen war. Sie fühlte sich klein und hilflos, während er vor ihr stand und auf sie herunter starrte. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ging er vor ihr in die Hocke. „Hi.“
Seine Stimme war ganz ruhig. Sie schaute ihn stumm an, Wut brannte in ihren Augen.
„Cindy, hör zu. Das hat absolut nichts mit uns zu tun. Ehrlich. Ganz nebenbei bemerkt habe ich niemandem von unserer kleinen Privatparty erzählt. Das geht keinen etwas an, und davon abgesehen weiß ich sehr wohl, dass du nicht vorhast, das zu wiederholen.
Aber wir haben dich in den letzten Wochen beobachtet. Wie abwesend du oft warst, und dann die Zusammenbrüche.“
Sie rang energisch die Hände. „Ich bin nur zweimal zusammengesackt, das war alles. Das ist doch kein Grund, mich direkt in Zwangsurlaub zu schicken!“
Sie wollte aufstehen, doch Cliff drückte ihre Arme zurück auf die Lehnen.
„Du bist nicht einfach zusammengesackt. Du bist aus heiterem Himmel umgekippt, warst mindestens eine Viertelstunde lang total weggetreten und hast dabei wirres Zeug erzählt, das keinen Sinn ergeben hat. Das nennst du harmlos?“
Sie sah ihn erstaunt an und spürte, wie ihr Herz panisch zu hämmern begann und ihr das Blut in die Wangen trieb. „Ich habe Zeug geredet!?“
Ihr Redaktionsleiter nickte. „Du hast pausenlos gesagt, dass irgendjemand dich nicht kriegen wird. Und dass er dich in Ruhe lassen soll. Cindy – hast du Probleme, von denen ich wissen sollte? Wirst du bedroht?“
Die junge Frau schlang ängstlich die Arme um ihren Körper. Ihr wurde plötzlich mulmig zumute. Es musste einen Zusammenhang zwischen ihren Visionen von der schattenhaften Gestalt, die ihr immer wieder Angst machte, und ihren Zusammenbrüchen geben. Aber welchen?
„Ich werde nicht bedroht. Cliff, du verstehst das nicht. Ich verstehe es selbst nicht. Aber glaub mir, ich brauche keinen Urlaub. Ich will arbeiten!“
Sie zuckte zurück, als sich Cliff erhob und die Arme um sie legte. Sie wollte nicht umarmt werden, am allerwenigsten von ihm. Reflexartig versuchte sie, seine Arme wegzustoßen. „Lass das.“
Ihren Einwand ignorierend zog er sie hoch und drückte sie fest an sich. Welche Ironie! Ihr Chef schickte sie in Zwangsurlaub und tröstete sie anschließend! Ganz zu schweigen davon, dass er damit Erinnerungen an eine heiße Nacht heraufbeschwor. Sie hatten auf einer Redaktionsparty in einem Nobelhotel beide reichlich getrunken. Cliff sah hervorragend aus und roch einfach umwerfend. Entgegen aller Prinzipien hatte sie sich dazu hinreißen lassen, in einer Ecke des Saales mit ihm herumzuknutschen. Aus der Knutscherei war heftiges Gefummel geworden, bis sie schließlich in seinem Hotelzimmer landeten und sich gegenseitig die Kleidung vom Leib rissen. Es war unbestritten eine der heißesten Nächte ihres Lebens gewesen.
„Okay, weißt du was? Es geht mir schon wieder gut. Du gehst jetzt besser. Ich nehme mir den Rest der Woche frei, und am Montag fangen wir von vorn an, ohne Zusammenbrüche und ähnliche Anstalten, einverstanden?“
Sie sah flehend in seine tiefbraunen Augen und hoffte, den üblichen belustigten Ausdruck darin zu finden. Doch stattdessen schaute er sie traurig an.
„Nein, Cindy. Vier Wochen mindestens. Anordnung von Bob. Damit du dich richtig erholen und deine Probleme lösen kannst, worum auch immer sich es dabei handelt.“
Erneut wollte sie sich aus seinem Griff befreien, aber Cliff hielt sie wie in einem Schaubstock gefangen. „Es wird dir gut tun!“
„Es wird vor allem meiner Nachfolgerin gut tun und ihr Zeit zum Einarbeiten geben, richtig?“
In dieser Sekunde war sie sich sicher, dass die fiese Amanda, ihre härteste Konkurrentin, bereits in den Startlöchern stand, um ihren Schreibtisch zu übernehmen.
Sie drückte sich mit Fäusten von Cliffs Brustkorb ab, wollte der Umklammerung entkommen, doch er hielt ihre Hände fest und zog sie mit seinen eigenen auf ihren Rücken, sodass sie fest in seiner Umarmung stand. Blitzartig erinnerte sie sich an dieselbe Szene in seinem Hotelzimmer, nur dass sie seine Dominanz damals wahnsinnig sexy gefunden hatte.
„Es gibt keine Nachfolgerin! Himmel, Cindy!“
Die Frau in seinen Armen stand bewegungslos und wartete vergeblich darauf, dass er den Griff lösen würde. Minuten schienen zu vergehen. Sie ließ die vergangenen drei Wochen Revue passieren und erinnerte sich an den Tag, an dem sie in der Antikhandlung das kunstvoll gearbeitete Amulett in den Händen gehalten hatte und wie vom Blitz erschlagen auf den kalten Steinboden gestürzt war. Sie hatte zugesehen, als der kleine Gegenstand wie in Zeitlupe zu Boden gefallen und in tausend Stücke zersprungen war, obwohl er aus robustem Metall zu sein schien. Einen Wimpernschlag später war von den Bruchstücken nichts mehr zu sehen gewesen. Der Besitzer des kleinen Ladens konnte sich nicht an ein Amulett erinnern und es stand auch nicht in seinen Büchern, und auch Melody, Cindys beste Freundin, die mit ihr in dem Geschäft gestöbert hatte, konnte sich nicht daran erinnern, das Amulett gesehen zu haben. Kurz danach hatten ihre Visionen von der Schattengestalt begonnen. Sie glaubte eigentlich nicht an so etwas wie außersinnliche Wahrnehmung und versuchte verzweifelt, die Visionen zu verdrängen, dachte schon, verrückt zu werden. Cindy wusste nicht, was sie dagegen tun konnte. Und nun stand sie hier, festgehalten von einem überaus gut aussehenden Mann, der soeben im Begriff war, sie aufgrund dieser Ausfälle in Zwangsurlaub zu schicken.
Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte Cliffs Attraktivität sie nach Luft schnappen lassen. Er wusste um sein gutes Aussehen und nutzte es schamlos aus, um alles ins Bett zu bekommen, was nicht schnell genug weglaufen konnte. Das hielt sie davon ab, auf seine Flirtversuche zu reagieren. Was ihn nur noch heftiger dazu angetrieben hatte, sie anzumachen, ungeachtet der Tatsache, dass er ihr Vorgesetzter war. Cliff war es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden. Dass sie jetzt starr in seinen Armen stand und offensichtlich einen inneren Kampf ausfocht, machte sie nur noch attraktiver für ihn und weckte seine Beschützerinstinkte. Vorsichtig umschloss er ihre Handgelenke mit der rechten Hand, hob mit seiner Linken ihr Kinn an und zwang sie, ihn anzusehen, was sie genau in diesem Moment nicht tun wollte.
„Cindy…“ Er blickte tief in ihre Augen.
„Cliff, nein.“ Cindy versuchte, ihr Kinn aus der Umklammerung seiner Finger zu befreien. Doch alles, was sie damit erreichte, war, dass sich seine Hand um ihren Nacken schloss, sich starke Finger in ihren dicken Locken vergruben und sich seine Lippen schließlich sanft auf ihren Mund legten. Wie zur Salzsäule erstarrt blieb sie stehen und ließ es geschehen, dass seine Lippen ihren Mund fordernd öffneten. Sie hätte beinahe laut aufgelacht. Was spielte es für eine Rolle, ob sie jetzt nachgab oder nicht. Sie würde sowieso nicht wieder mit ihm zusammenarbeiten. Sie würde ihn wahrscheinlich nicht einmal mehr wiedersehen. Dass sie die Absicht hinter der Beurlaubung falsch einschätzte, kam ihr nicht in den Sinn. Also lehnte sie sich ergeben an ihn und vergaß, sich gegen die Hand zu wehren, die ihre Handgelenke noch immer umschlossen hielt. Er spürte, wie ihr Widerstand nachließ, und drückte sie noch inniger an sich. Cindy ließ zu, dass er sie lange und leidenschaftlich küsste. Dann entließ er ihre Lippen, um sie Richtung Schlafzimmer zu lenken, was die junge Frau schlagartig wieder zur Besinnung brachte. Sofort schob sie Cliff ein Stück von sich weg. „Ich glaube, das reicht. Du gehst jetzt besser.“
Erstaunt sah er sie an. „Ich soll gehen? Jetzt? Warum?“
„Ganz einfach. Das letzte Mal, als ich mit dir im Bett war, war ich betrunken. Aber das wird mir mit Sicherheit nicht passieren, nachdem du mich gefeu… in Urlaub geschickt hast.“
Nickend trat Cliff einen Schritt zurück und überlegte eine Sekunde, ob er die Abfuhr hinnehmen sollte. Schnell entschied er, dass es klüger war, keine weiteren Annäherungsversuche zu starten. „Sicher. Wie du willst. Wenn du etwas brauchst oder Trost willst, weißt du, wie du mich erreichen kannst.“
Cindy sah ihn herausfordernd an und lachte laut auf. „Und wenn ich weiß, dass es mir wieder gut geht, richtig? Das hast du doch sicher nur vergessen, zu erwähnen.“
Cliff wagte nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Natürlich. Das versteht sich von selbst.“ Ohne ein weiteres Wort ging er zur Tür und schloss sie leise von außen.

2

Cindy schlief aus. Zum ersten Mal seit Monaten schlief sie bis elf Uhr am nächsten Morgen tief und traumlos durch. Die nun leere Flasche Rotwein, die noch immer auf dem Couchtisch stand, hatte bestimmt dabei geholfen. Antriebslos hüllte sie sich auf der Couch in eine Wolldecke ein und schaute sich die „Herr der Ringe“ – Trilogie an. Dabei leerte sie eine komplette Tüte Chips und eine weitere Flasche Wein, bis sie schließlich nach Aragorns Krönungsgesang übersättigt und ziemlich betrunken einschlief.

Um sie herum war es stockdunkel. Cindy kniff die Lider zusammen, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und blickte sich um. Sie stand mitten in einem Fichtenwald!
Was zum Teufel mache ich im Wald?
Sie hatte noch immer ihren Jogginganzug an, doch ihre Füße steckten in dicken Wanderschuhen, die sie gar nicht besaß.
„Was ist denn hier los? Cliff? Ist das ein schlechter Scherz?“
In der frischen Waldluft lag ein Hauch von Moder, der von langsam verrottenden Zweigen zwischen den niedrigen Farnen herrührte. Der Wind rauschte in den Bäumen, und bei jedem Windstoß ging ein Nadelschauer auf die junge Frau nieder.
„Hallo?“
Äste und Wurzeln knackten leise, ab und zu rief eine Eule in die Stille hinein. In diesem Moment trat der Mond hinter den Wolken hervor. Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Ruckartig drehte sich Cindy um ihre eigene Achse. Doch es war niemand da.
‚Bestimmt nur ein Tier’, beruhigte sie sich und versuchte, das wilde Pochen ihres Herzens zu ignorieren. Noch einmal schaute sie sich um und überlegte, in welche Richtung sie wohl gehen musste, um am schnellsten wieder eine Straße zu erreichen. Nur welche Straße? Wo war sie überhaupt? In ihrer näheren Umgebung gab es keinen Wald, sie lebte mitten in der Stadt. Langsam stieg Panik in ihr auf. Erneut huschte etwas an ihr vorbei. Sie spürte, dass sie nicht alleine war.
„HALLO?“
Ihre Stimme überschlug sich vor Angst. Das Herz hämmerte schmerzhaft in ihrer Brust. Ihr Atem kam stoßweise und bildete kleine Kondenswolken in der kühlen Waldluft.
„Ist da jemand?“
Plötzlich schien ihr Herz einen Schlag lang auszusetzen.
Keine fünf Meter von Cindy entfernt stand die schattenhafte Person aus ihren Visionen und nahm langsam Gestalt an. Der Schatten kam näher und blieb ein paar Schritte entfernt von ihr stehen. Bevor Cindy weglaufen konnte, sprach die Gestalt sie mit einer dunklen, angenehmen Stimme an. „Bitte lauf nicht weg.“
Es klang so simpel, dass es ihr die Sprache verschlug.
„Ich wollte dir keine Angst machen.“
Sie musterte den Unbekannten. Seine Schultern waren breit, sein Gesicht markant. Dunkle, fast schwarze Haare fielen ihm wild in die Stirn und bis auf die Schultern. Hätte er in einem Film mitgespielt, wäre er ihr Held gewesen, den sie von der Couch aus angehimmelt hätte. Doch der Mann stand hier vor ihr und schien äußerst real zu sein. Auch wenn sie sich noch immer wie in Trance fühlte und sich vor Angst kaum rühren konnte. Selbst wenn sie gewollt hätte, wäre es ihr nicht möglich gewesen, sich zu bewegen.
„Bitte bleib. Ich wollte dich wirklich nicht erschrecken.“
Cindy wollte etwas erwidern, brachte aber zunächst keinen Ton heraus. Schließlich antwortete sie zögernd und mit größter Mühe: „Wer bist du? Warum bist du um mich herumgeschlichen?“
Er sah harmlos aus, doch das taten Vergewaltiger auch. Jeden Moment konnte er auf sie losgehen. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen, als er nicht antwortete, sondern sie nur weiter stumm musterte.
„Ich werde jetzt gehen. Wo ist die nächste Straße? Sag mir nur die Richtung.“
Es hatte schroff und abweisend klingen sollen, doch vor Angst klang das Gesagte eher schrill. Cindys Gegenüber lächelte. Weiße Zähne blitzten in der Dämmerung. Es war ein entwaffnendes Lächeln, spitzbübisch und sanft. Oh ja, in einem Film wäre er ihr Held gewesen. Doch das hier war kein Film, und sie musste auf der Hut sein.
„Keine Straße und kein Weg wird dich von hier nach Hause bringen.“
Er machte einen Schritt auf sie zu. Panisch wich sie ihm aus.
„Nein, bitte …!“
Er tat einen weiteren Schritt, und noch einen. Bis sie beim Zurückweichen mit dem Rücken gegen einen Baum prallte. Ein Schrei entfuhr ihrer Kehle.
„Verdammt noch mal … bleib stehen! Was willst du von mir?“
Endlich hielt der Mann inne und ließ seine Arme sinken. „Ich hatte gehofft, dir hier weniger Angst zu machen.“
Cindy stockte der Atem. „Wie bitte?“
Er setzte sich in einer fließenden Bewegung mitten auf den Waldboden und stützte das Kinn auf die rechte Hand. Er wirkte so entspannt, dass sich Cindy beinahe für ihre Angst schämte.
„Du bist jedes Mal ohnmächtig geworden, wenn ich versucht habe, mich dir zu zeigen. Daher musste ich einen anderen Weg …“
Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden. Cindy drehte sich auf dem Absatz um und begann, zu laufen. Sie rannte immer schneller. Zweige peitschten ihr schmerzhaft ins Gesicht, und die seidigen Arme der Farne schlangen sich um ihre Fußgelenke, als wollten sie sie festhalten und ins Erdreich ziehen. Cindy rannte, bis ihre Lungen brannten und sie das Gefühl hatte, den unheimlichen Fremden abgehängt zu haben.
Sie drehte sich um und erschrak, als er nur wenige Meter hinter ihr stand. Er stand einfach da, ruhigen Atems, als wäre er nicht einen Meter gerannt, um ihr zu folgen!
„Das ist doch Wahnsinn! Ich muss träumen! Das kann nicht sein!“ Sie wollte weiterrennen, stolperte aber plötzlich und fiel.

Als Cindy die Augen wieder öffnete, lag sie auf dem Teppich vor ihrem Sofa. Die Decke hatte sich beim Fallen um sie gewickelt und hinderte sie daran, die Beine zu bewegen.
„Was … das gibt es doch nicht!“
Verwirrt setzte sie sich auf. Die Uhr über ihrem Fernseher zeigte bereits weit nach Mitternacht an. Sie war völlig nüchtern und fühlte sich, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Vage erinnerte sich Cindy daran, lange durch einen dunklen Wald gerannt zu sein. Als sie sich in die Haare griff, zog sie ein Stück Moos heraus. Mit einem spitzen Aufschrei ließ sie es fallen.

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