Aus dem Nähkästchen geplaudert

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Mir gestern seit Ewigkeiten mal wieder etwas eingefallen. Ich denke nicht oft daran oder darüber nach, aber von Zeit zu Zeit kommt der Gedanke durch.
Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, hat meine Mutter mich beim Ballettunterricht angemeldet. Zunächst habe ich es gehasst. So viele fremde Kinder, und ich mittendrin. Meine Ballettlehrerin, Frau Delorco, hatte schon damals die Siebzig weit überschritten, vielleicht sogar die Achtzig. Sie war eine sehr faltige Frau, von den Zeichen der Zeit gezeichnet und stets viel zu stark geschminkt. Dennoch hat sie es geschafft, mir Freude am Ballett zu vermitteln. Ich begann, wie jeder Anfänger bei ihr, in der letzten Reihe, habe mich aber schnell zu den Besten entwickelt und durfte ganz vorn in der ersten Reihe tanzen. Anfangs hatte ich einen pinken Ballettanzug mit Rüschen um die Hüfte herum. Doch nach einem Jahr, ein bisschen gereift (hihi), habe ich einen weißen bekommen. Natürlich ebenfalls mit den obligatorischen Rüschen um die Hüfte. Zwei Jahre lang habe ich dort getanzt und mich eigentlich schon sehr darauf gefreut, dass nach zwei Jahren der Tanz auf Spitzenschuhen beginnen würde. Frau Delorco versicherte mir damals, dass ich das Zeug zu einer Primaballerina hätte, und ich war sehr stolz darauf.
Da ich heute nicht über die Bühnen der Welt schwebe, habe ich offenbar einen anderen Weg eingeschlagen. Der Anfang vom Ende begann, als uns gesagt wurde, dass wir bald eine Aufführung im Stadttheater haben würden. „Der Nussknacker“ sollte aufgeführt werden. Anfangs übte ich zusammen mit den anderen die Schritte (ich kann sie noch heute!), aber immer mehr wurde mir bewusst, dass ich dann auf der Bühne stehen würde. Vor Publikum. – Da war´s vorbei. Ich verkündete meinen Eltern, dass ich ab sofort nicht mehr zum Ballett gehen würde. Sie konnten sich auf den Kopf stellen und tun und sagen, was sie wollten … der Drops war gelutscht. Also ging mein Vater mit mir zur Ballettstunde und ließ Frau Delorco vor die Tür kommen, um ihr das zu sagen. Einen Grund für mein Aufhören nannte ich meinen Eltern damals übrigens nicht, weil ich genau wusste, sie würden versuchen, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Die arme Frau hatte Tränen in den Augen und drückte mir einen dicken, nassen Schmatzer auf die Backe, den ich als Neunjährige… naja, ihr könnt euch meine Begeisterung vorstellen. 😉
Also ging ich und kam nie wieder.
Hätte ich damals gewusst, dass ich Jahrzehnte später sehr wohl vor Publikum stehen und Lesungen halten würde … wie hätte die neunjährige Bettina wohl reagiert? Wahrscheinlich hätte sie ungläubig den Kopf geschüttelt, denn ich hatte mir damals geschworen, nie nie niemals auf einer Bühne zu stehen und vor Publikum aufzutreten. So ändern sich die Zeiten.
Ob ich das bereue? – Es hat gedauert. Aber mit einundzwanzig Jahren habe ich mich zum ersten Mal bewusst an diese Zeit erinnert und es tatsächlich bereut. Ich habe angefangen zu bereuen, nie gelernt zu haben, anmutig auf Spitzenschuhen zu tanzen, obwohl ich SO kurz davor stand, und dieses Hobby nicht weitergeführt zu haben. Was wäre wohl daraus geworden? Ich werde es nie erfahren. Aber jedes Mal, wenn ich heute eine Balletttänzerin sehe, frage ich mich, ob das auch aus mir hätte werden können. Ich glaube, es gibt so Dinge im Leben, bei jedem. Entscheidungen, die man für immer bereut. Auch wenn man zu jung war, um es besser zu wissen.
Eine andere Sache ist, dass ich schon damals gemerkt habe, dass Frau Delorco zwar wahnsinnig streng war (wie alle Ballettlehrerinnen wahrscheinlich), dass sie aber tatsächlich nur das Beste für uns wollte. Sie hat für das Ballett gelebt. Für ihre Mädchen. Heute muss ich sagen, dass ich gern mehr über sie erfahren würde. Wer war sie, bevor sie Ballettlehrerin für kleine Mädchen wurde? Noch immer sehe ich sie vor mir, wie sie uns die Tanzschritte vormacht, in die Hände klatscht, ihre Beine hoch schwingt (unglaublich in diesem Alter!). Stand sie einst selbst auf den Bühnen der Welt und hat die Menschen mit ihrem Tanz verzaubert? Welche Lebensgeschichte hätte sie zu erzählen gehabt? – Da kommt dann wohl doch die heutige Autorin in mir zum Vorschein, und vielleicht ist das das sichere Zeichen dafür, dass mich meine Entscheidung von damals doch in die richtige Richtung gebracht hat. Zu dem, was mir wirklich liegt und was ich nie mehr aufgeben könnte: Das Schreiben.

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