Das Dunkle Erbe

Als Emily die Kanzlei betrat, war sie von der angenehmen Atmosphäre überrascht und ließ ihre Wut langsam abklingen. So kühl die Empfangshalle des Gebäudes gewesen war, so warm und einladend waren diese Räumlichkeiten. Eine Holzvertäfelung verlief auf halber Höhe an sämtlichen Wänden entlang, die Tapete darüber war hellgelb. An beinahe jeder Wand hingen farbenfrohe Kunstdrucke, und in dem kleinen Wartebereich luden tiefe, cremefarbene Ledersessel dazu ein, gemütlich in den vorhandenen Zeitschriften zu blättern. Emily warf einen Blick auf das Angebot: Segel- und Pferdezeitschriften, Prospekte für die Haus- und Gartengestaltung, ein paar Klatschblätter. Anscheinend war alles darauf abgestimmt, sich als Mandant wohlzufühlen. Sie konnte gut verstehen, dass ihre Mutter sich an diese Kanzlei gewendet hatte. Bei dem Gedanken an sie verspürte Emily wieder einen Stich im Herzen. Sie fand jedoch keine Gelegenheit, sich weiter in Trauer zu vertiefen, da nun ein Herr um die Sechzig mit großen Schritten und einer einladenden Geste auf sie zukam und die junge Frau herzlich anlächelte. Er war mit Sicherheit eins achtzig groß, hatte breite Schultern und ein markantes Gesicht, das von vollem, grauem Haar eingerahmt wurde. Seine sympathische Ausstrahlung war raumfüllend und vertrauenerweckend.

»Sie müssen Miss Watson sein! Schön, Sie endlich kennenzulernen! Ihre Mutter hat mir viel von Ihnen erzählt.«

Emily hob misstrauisch eine Augenbraue. »Hat sie das? Das überrascht mich. Wir hatten in den letzten sechs Jahren keinen Kontakt miteinander.«

»Bitte, setzen wir uns in mein Büro, da können wir in Ruhe miteinander sprechen.«

Er nickte einer älteren Dame zu, die, von Emily unbemerkt, die ganze Zeit an einem kleinen Tisch im Vorzimmer gesessen hatte. Emily zuckte leicht zusammen, als sie die Frau bemerkte, und errötete. Normalerweise war es nicht ihre Art, Menschen zu übersehen. Um ihren Fehler wieder gutzumachen, schenkte sie der Dame schnell ein freundliches Lächeln und nickte.

»Helen, machen Sie uns bitte einen frischen Tee, ja? Oder trinken Sie lieber Kaffee, Miss Watson?« Emily nickte. »Ein Kaffee wäre wunderbar, danke.«

 

Kurz darauf fand sie sich in einem weiteren der cremefarbenen Ledersessel wieder, in den sie sich dankbar fallen ließ. Mr Caine nahm in seinem eigenen schwarzen Ledersessel auf der anderen Seite des riesigen Schreibtisches Platz. Dieser hatte von der Größe her eher Ähnlichkeit mit einem Thron.

»Nun, Miss Watson, zunächst möchte ich Ihnen noch einmal mein herzliches Beileid aussprechen. Ihre Mutter starb sehr unerwartet, und es ist sicher ein Schock für Sie.«

Emily brachte nicht mehr als ein Nicken zustande, obwohl tausend Fragen in ihrem Kopf hämmerten und nach Antworten verlangten.

»Ihre Mutter hat vor zwei Jahren ein Testament bei mir hinterlegt. Da ich es für sie aufgesetzt habe, beziehungsweise ihr dabei geholfen habe, kann ich Ihnen direkt sagen, was darin steht: Sie allein sind die Begünstigte. Warten Sie, ich hole es, dann haben wir die Testamentseröffnung direkt hinter uns.«

»Entschuldigung, aber … liegen Testamente nicht normalerweise beim Notar?«

»Das ist richtig. Es wurde auch vom Notar beglaubigt, aber auf den ausdrücklichen Wunsch Ihrer Mutter hin bei mir hinterlegt.«

Emily sah an dem Gesichtsausdruck des Mannes, dass er eigentlich noch eine scherzhafte Bemerkung hatte machen wollen, sie sich aber schnell verkniff. Scherze waren bei diesem Anlass wohl kaum angemessen. Auf der anderen Seite hätte Emily viel dafür gegeben, einen Grund zum Lächeln zu bekommen.

»Wissen Sie mittlerweile mehr über die Todesursache?«

Der Anwalt schüttelte den Kopf. »Nein. Die Autopsie wurde noch nicht durchgeführt. Ich werde mich aber nachher noch einmal bei der Staatsanwaltschaft erkundigen, wann es losgeht. Wenn wir es dringend machen, haben wir in ein bis zwei Tagen das vorläufige Ergebnis, toxikologische Tests dauern allerdings eine Weile länger, falls welche notwendig sein sollten. Hier, wenn Sie mir bitte den Erhalt des Testaments unterschreiben.«

Er reichte der jungen Waise das entsprechende Dokument und deutete mit dem Füller, den er ihr ebenfalls anreichte, auf die Stelle in der unteren rechten Ecke, an der sie unterschreiben musste. Schnell zeichnete Emily das Dokument ab und gab es ihm zusammen mit seinem Stift zurück.

»Das wäre gut. Ich möchte hier schnellstmöglich alles abschließen und nach New York zurückkehren.«

Edward Caine runzelte die Stirn. Er hatte sich inzwischen wieder gesetzt und öffnete nun den Umschlag, der das Testament von Erica Watson enthielt.

»Ich weiß nicht, ob das so schnell möglich sein wird. Es sei denn, Sie beauftragen einen Makler, der hier alles für Sie erledigt. Sie werden das verstehen, wenn ich das Testament verlesen habe.« Er räusperte sich, setzte seine Lesebrille auf und begann, das Dokument vorzulesen:

»Ich, Erica Watson, wohnhaft im Elberly Cottage, Elmbridge Road, Maidenhead, London BS3H 7AD, vermache hiermit meinen gesamten Besitz an meine geliebte Tochter Emily Watson.

In diesen Besitz eingeschlossen sind das Cottage mit allem, was sich darin befindet, alle Vermögenswerte auf dem Bankkonto sowie der Inhalt des Schließfaches. Außerdem ist meiner Tochter der Brief auszuhändigen, den ich diesem Testament beigefügt habe. Möge Gott sie schützen. Ich möchte in der Familiengruft beigesetzt werden, über die genauen Details verfügt Mister Caine. Auf einem gesonderten Sparbuch, über das ebenfalls er verfügt, ist genug Geld für eine angemessene Beerdigung.«

Mr Caine räusperte sich erneut. »Jetzt kommen nur noch bürokratische Details.«

 

Emily saß stocksteif in dem bequemen Sessel und versuchte, normal zu atmen. Es war seltsam, nach so langer Zeit etwas zu hören, das dem Willen und Wortlaut ihrer Mutter entsprach. Sie hatte plötzlich panische Angst davor, den Brief zu lesen. Sie wollte nichts empfinden, wenn sie an ihre Mutter dachte. Sie wollte keine Angst empfinden, keine Trauer. Und vor allem keine Einsamkeit. Emily hatte es sich doch erst an diesem Morgen geschworen. Warf das Testament ihren Vorsatz nun schon über den Haufen?

Ohne etwas zu sagen, reichte Mr Caine ihr den für sie bestimmten Brief. In diesem Moment betrat Helen mit einem Tablett das Büro, schenkte Emily eine Tasse Kaffee ein und reichte ihrem Chef eine Tasse mit Tee. Sie schaute Emily ins Gesicht, nickte sich selbst zu und verschwand kurz, um nur Sekunden später mit einem Glas Wasser wieder aufzutauchen.

»Hier, meine Liebe. Trinken Sie das. Danach geht es Ihnen besser.«

Emily sah sie überrascht an. Auch der Anwalt schaute auf, bemerkte Emilys Blässe. »Helen hat recht. Trinken Sie etwas Wasser. Ich möchte nicht, dass Sie uns hier umkippen.«

Die junge Frau ließ den Kaffee vorläufig stehen, trank das Glas Wasser in einem Zug leer und bedankte sich herzlich bei der Sekretärin. Dann öffnete sie widerwillig den Brief.

»Sie müssen ihn nicht jetzt lesen, wenn Sie nicht möchten. Ich kann Ihnen auch einfach alles aushändigen, was Sie erhalten müssen, und Sie lesen den Brief später.«

»Nein, ich lese ihn jetzt. Vielleicht wirft er Fragen auf, die Sie beantworten können.«

»Wie Sie wollen.« Er begann schnell, sich mit einem anderen Dokument zu beschäftigen, um der Tochter seiner verstorbenen Mandantin Gelegenheit zu geben, den Brief ungestört zu lesen.

Mit zitternden Fingern hielt Emily das Dokument in der Hand, das mit der klaren, schön geschwungenen Handschrift ihrer Mutter geschrieben war, ihrer eigenen nicht unähnlich.

 

 

Meine liebe Emily,

 

es ist lange her, seit du fortgegangen bist, und mein Herz blutet jeden Tag, wenn ich an dich denke. Ich hätte dir im Leben so viel mehr ermöglichen sollen. Du hättest mehr Freiraum verdient, hättest mit Freundinnen spielen sollen wie jedes andere Mädchen.

Doch wie erklärt man seinem Kind, was nicht zu erklären ist? Als dein Vater noch bei uns war, schien alles viel einfacher zu sein. Wir hatten tatsächlich die Hoffnung, dass alles gut werden würde. Dass unser Leben von dem Fluch unberührt bleiben würde.

Doch als dein Vater umkam, wusste ich sicher, dass diese Hoffnung trügerisch gewesen war. Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein. Du warst zu jung, um es zu verstehen. Vielleicht bist du auch jetzt noch zu jung. Aber dass du diesen Brief liest, bedeutet, dass ich nicht mehr lebe, dass auch ich der Vergangenheit nicht davonlaufen konnte. Und diese Tatsache macht es notwendig, dass du nun erfährst, was mich all die Jahre bewogen hat, dich zu beschützen wie meinen Augapfel.

Du hättest eine unbeschwerte Kindheit haben sollen, und ich habe dir immer von Herzen gewünscht, dass du glücklich im Leben wirst. So glücklich, wie es keiner aus unserer Familie geworden ist. Vielleicht ist New York weit genug weg. Vielleicht kannst du dort in Frieden leben und eine glückliche, sorglose Familie gründen.

Ich kann dir nicht erzählen, was du erfahren musst, denn du würdest es mir nicht glauben. Deswegen musst du es selbst herausfinden. Dem Testament liegt der Schlüssel zu unserem Schließfach bei, und im Cottage wirst du weitere Hinweise finden, wenn du danach suchst. Wenn du herausgefunden hast, was du wissen musst, verkaufe das Cottage. Verkaufe alles, was mit unserer Familie zu tun hat, brich alle Brücken ab und kehre nach New York zurück. Wirf keinen Blick zurück und trauere nicht. Du bist die Einzige von uns, die eine Chance auf ein wirkliches Leben hat. Nutze sie.

 

In ewiger Liebe,

 

deine Mutter

 

 

Die Tochter spürte die Tränen nicht, die in Sturzfluten ihre Wangen herunterschossen. Sie spürte die Kälte nicht, die sie zittern ließ und hörte nicht, wie ihre Zähne aufeinander schlugen. Alles, was sie hörte, war das Rauschen ihres Blutes.

Ein Familiengeheimnis. Das war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Was war so schrecklich, dass Erica Watson es nicht einmal in dem letzten Brief an ihre Tochter offenbaren konnte? War dieses Geheimnis der Grund für die tausend unbeantworteten Fragen aus ihrer Kindheit, für die Ausgrenzung durch ihre Mitschüler?

Edward Caine zeigte sich ernstlich besorgt um die junge Frau und bat über die Sprechanlage Helen erneut herein. Sie solle eine Decke mitbringen.

»Hier, legen Sie sich die um. Sie sind ja völlig fertig. Erlauben Sie?« Er deutete auf den Brief und Emily nickte stumm.

Der Anwalt überflog die Zeilen zweimal, bevor er den Brief zur Seite legte.

»Und Sie haben keine Ahnung, was Ihre Mutter damit meinen könnte?«

»Nein. Ich … würden Sie mir jetzt bitte den Schlüssel für das Schließfach geben? Ich denke, ich sollte wohl lieber zur Bank fahren und anfangen, das Rätsel zu lösen. Vielleicht geht es mir besser, wenn ich damit beschäftigt bin. Dann habe ich wenigstens was zu tun.«

»Sicher. Hier ist er. Wenn Sie Hilfe, Beistand oder sonst etwas benötigen, sagen Sie bitte Bescheid.«

Emily bedankte sich und verließ beinahe fluchtartig die Kanzlei. Wie es aussah, würde sie also länger in London bleiben. Als sie auf die Straße trat, dachte sie kurz darüber nach, ob sie weiter in der Pension von Mrs Mallon wohnen sollte oder lieber in das Cottage umzog. Aber der Gedanke daran, wieder dort zu schlafen, mit dem Wissen, dass ihre Mutter dort gestorben war, widerte sie an. Außerdem hatte ihr der Brief Angst gemacht. Warum wollte ihre Mutter unbedingt, dass sie sich möglichst schnell endgültig von dem Cottage trennte? Solange sie den Grund dafür nicht kannte, wollte sie lieber kein Risiko eingehen. Eins stand für Emily fest: Als ihre Mutter den Brief geschrieben hatte, war sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen, und was immer Erica Watson bewegt hatte, musste ernst genommen werden.

Ihr nächster Gang führte die junge Waise also zur Bank. Emily rannte so schnell, dass ihr langes, kastanienbraunes Haar nach hinten flog und dem Bild beinahe etwas Dramatisches gab. Der eigentliche Grund für ihre Eile war aber, dass es wieder einmal angefangen hatte in Strömen zu regnen und sie nicht vollkommen durchnässt ihr Ziel erreichen wollte.

Der Bankangestellte sah skeptisch in die braunglänzenden Augen der jungen Frau vor dem Schalter, als sie ihm den Schlüssel zum Schließfach präsentierte. Er überprüfte die Nummer darauf und sah sie erneut fragend an.

»Sie sind nicht Misses Erica Watson. Ich kenne Misses Watson seit Jahren. Wie kommen Sie an den Schlüssel, junge Frau?«

Emily zückte schnell ihren Reisepass, um sich auszuweisen.

»Entschuldigung, natürlich. Das können Sie nicht wissen. Ich bin ihre Tochter. Meine Mutter ist vor fünf Tagen verstorben und hat mir den Inhalt des Schließfaches vermacht.«

»Haben Sie eine Kopie des Testaments oder Ähnliches?«

Emily schüttelte verwirrt den Kopf. Sie war der Meinung gewesen, dass Derjenige das Schließfach öffnen durfte, der den Schlüssel besaß. Und in ihrer Eile hatte sie das Testament bei Mr Caine liegenlassen und nur den Brief ihrer Mutter eingesteckt.

»Rufen Sie am besten kurz den Anwalt meiner Mutter an. Mister Caine, von Caine und Partner. Ich komme gerade von ihm, er hat mir den Schlüssel ausgehändigt.«

Der Bankangestellte nickte und verschwand mit dem Schlüssel in einem angrenzenden Büro.

Währenddessen sah sich Emily neugierig um. Wie viele Londoner Banken war auch diese in einem historischen Gebäude mit dicken Mauern und reichen Ornamenten untergebracht, was der Abwicklung der Geldgeschäfte ganz automatisch etwas Hochoffizielles, Würdevolles verlieh. Das Gebäude hatte seinen ganz eigenen Duft. Es roch nach Geschichte, altem Papier und Mauern, die wahrscheinlich viele Geschichten zu erzählen gehabt hätten.

»Mister Caine hat mir die Vererbung des Schlüssels bestätigt. Bitte folgen Sie mir.«

Derart aus ihren Gedanken gerissen, ging Emily dem Angestellten etwas überrumpelt hinterher und versuchte, sich ihre Klaustrophobie nicht anmerken zu lassen, als er sie in den winzigen Aufzug bat, der ins Kellergeschoss führte. Sie spürte, wie sich Schweißperlen auf ihrer Oberlippe bildeten und das Atmen ihr immer schwerer fiel. Wie immer schoss eine Panikattacke in ihre Glieder, als der Aufzug anhielt und es endlos lange Sekunden dauerte, bis sich die Türe endlich wieder öffnete. Jedes Mal befürchtete Emily, dass ausgerechnet bei ihrer Aufzugfahrt plötzlich ein Defekt auftrat und die Türe gar nicht aufging.

Aufatmend, mit hämmerndem Herzen und weichen Knien trat sie schließlich mit dem Angestellten zusammen in den langen Flur, dessen Wände links und rechts nur aus Schließfächern bestanden. Sie reichten bis zur Decke. Die oberen Reihen waren nur über eine Leiter erreichbar, die am Ende des Flurs an der Wand lehnte und bei Bedarf an den Wänden entlanggerollt werden konnte.

Doch ihr Begleiter bewegte sich zielstrebig auf ein Schließfach in mittlerer Höhe zu.

»Ihre Mutter war seit mehreren Jahren nicht mehr hier. Wissen Sie, was sich in dem Schließfach befindet?«

Emily konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob der Mann aus Neugierde fragte oder deshalb, weil er die Antwort kannte.

»Nein. Sie?«

»Nein, Miss. Aber manchmal erzählen Kunden mir, was sie dort horten. Oft sind es richtig spannende Geschichten. Es geht doch nichts über die kleinen Geheimnisse im Leben, richtig?«

Er lächelte sie auf eine Art und Weise an, die ihr deutlich zeigte, dass er Gefallen an ihr fand. Emily wusste, dass Männer sie für schön hielten, denn sie hatte ein edel geschnittenes Gesicht, aber sie hatte sich nie etwas daraus gemacht. Es gab genug andere schöne Frauen auf der Welt. Die Jungen ihrer Klasse hatten ihr während der Schulzeit deutlich gemacht, dass Emily Watson nicht begehrenswert war, und sie hatte es ihnen irgendwann geglaubt.

In diesem Fall hatte sie außerdem das Gefühl, dass der junge Mann zu gern erfahren hätte, was sie geerbt hatte. Aber sie hatte keinesfalls vor, ihn daran teilhaben zu lassen.

»Deshalb sind es Geheimnisse, richtig? Weil man sie niemandem erzählt.«

Er starrte sie einen Moment lang unsicher an, bis sie ihm mit einem ungeduldigen Blick bedeutete, er möge nun bitte das Schließfach öffnen.

Gehorsam steckte er ihren Schlüssel in das dafür vorgesehene Schloss und schob anschließend seinen eigenen Generalschlüssel in das andere. Als er beide gleichzeitig umdrehte, war ein leises Klicken zu hören, und das Fach öffnete sich.

Diskret zog sich der Angestellte zurück. »Sie können die Kassette dort hinten auf den kleinen Tisch legen. Wenn Sie fertig sind, schieben Sie sie einfach wieder in das Fach und drücken die Klappe zu. Sie schließt sich automatisch.«

»Vielen Dank.« Sie musste ihm nicht sagen, dass sie lieber allein sein wollte. Er hatte ihre Abfuhr verstanden.

Sekunden später schloss sich die Aufzugtür hinter ihm und Emily war allein in dem schmalen Flur. Dieser Umstand war ihr plötzlich unbehaglich, und sie nahm ihn geradezu körperlich wahr. Wenn der Aufzug nun nicht mehr funktionierte, saß sie allein in dem Kellerloch fest. Es gab keinen anderen Ausgang und so, wie die Wände aussahen, schien es auch keine separate Frischluftzufuhr zu geben. Obwohl es dafür erstaunlich neutral roch. Bevor eine erneute handfeste Panikattacke Besitz von ihr ergreifen konnte, schüttelte Emily die Gedanken ab, atmete einmal tief durch, zog die schwere Kassette aus dem Schließfach und begab sich damit zu dem kleinen Pult am rückwärtigen Ende des Flurs.

»Die Stunde der Wahrheit, liebe Emily.«

Sie atmete noch einmal tief durch, ließ die Luft langsam durch den Mund entweichen und öffnete dann den Deckel der Schatulle.

»Was …?«

Entgeistert nahm sie einen kleinen Flakon aus Glas in die Hand, in dem sich eine klare Flüssigkeit befand. Hatte ihre Mutter etwa Parfum in ihrem Schließfach aufbewahrt? Emily hatte eher mit Wertpapieren oder wertvollen Schmuckstücken gerechnet.

Sie stellte das Behältnis zunächst beiseite und langte mit der Hand weiter in die Kassette hinein. Als Nächstes zog sie einen Rosenkranz heraus. Er war wunderschön gearbeitet. Doch er war nicht, wie üblich, mit Holzperlen versehen, sondern vollkommen aus Silber gemacht, versehen mit winzigen silbernen Rosenblüten in bestimmten Abständen.

»Was zum Teufel …?«

Emily verschlug es die Sprache als sie zum Schluss auch noch ein Kreuz aus dem Fach zog, ebenfalls aus Silber. Es passte gerade eben in ihre Hand und war überraschend schwer. Massives Silber. Die Erbin des Sammelsuriums legte das Kreuz zur Seite und sah sich den Flakon noch einmal genauer an. Sie öffnete den Verschluss und roch vorsichtig an der Flüssigkeit, stellte jedoch zu ihrer Überraschung fest, dass es nur Wasser war. Als sie den Flakon wieder geschlossen hatte und ihn herumdrehte, fand sie schließlich des Rätsels Lösung. Auf dem uralten Etikett eines Devotionaliengeschäfts war, etwas zerkratzt, die Inhaltsbeschreibung zu lesen: geweihtes Wasser.

»Mama?! Warum zum Teufel bewahrst du Weihwasser und Kreuze in deinem Schließfach auf? Ist das ein schlechter Scherz?«

Sie verfluchte ihre Mutter heimlich dafür, dass sie ihr nicht mehr antworten konnte. Und dass sie nicht einfach in ihren Brief geschrieben hatte, was sie ihrer Tochter so verzweifelt mitzuteilen versuchte.

Wütend hob Emily die Schließfachkassette an und schüttete sie kopfüber aus. Und tatsächlich segelte noch ein einsamer, kleiner Zettel heraus. Emily hob ihn auf. Ihr Gesichtsausdruck wurde noch verwirrter, als sie die handschriftliche Notiz las:

 

Familiengruft, Highgate Cemetary. Edward Paul George

Watson

 

Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Mann war.

»Na toll. Eine Schnitzeljagd. Das hätte mir in meiner Kindheit Spaß gemacht. Jetzt brauchst du’s nicht mehr zu veranstalten, Mum! Der Zug ist abgefahren!«

Wütend und enttäuscht verließ Emily, den Fund aus dem Schließfach in ihrer Handtasche, den engen Flur, nachdem sie die Kassette zurück in die Wand geschoben und das Fach zugedrückt hatte.

Oben angekommen wandte sie sich wieder dem Bankangestellten zu, der sie nach unten begleitet hatte.

»Ich brauche das Schließfach nicht mehr. Muss ich irgendwo eine Kündigung unterschreiben? Außerdem möchte ich bitte Einsicht in das Konto meiner Mutter haben, da ich schon mal hier bin.«

Der Mann nickte und bat die junge Frau zu einem der Tische, an denen man zu Beratungszwecken Platz nehmen konnte. Nach wenigen Minuten hatte er das Kündigungsformular für das Schließfach fertig ausgefüllt und legte es ihr zur Unterschrift vor. Danach tippte er zügig auf der Tastatur des Computers herum, um das Konto von Erica Watson aufzurufen.

»Ich habe hier zwei Konten. Auf dem einen wurden ihre Alltagsgeschäfte abgewickelt. Der aktuelle Kontostand beträgt zweihundertfünfundsiebzig Pfund. In einer Woche würde ihr Gehalt überwiesen. Bitte informieren Sie den Arbeitgeber Ihrer Mutter über den Tod, damit wir Rückbuchungen vermeiden.«

»Das hat ihr Anwalt bereits getan, glaube ich. Was ist das andere für ein Konto?«

»Ein Sparkonto. Auf diesem befindet sich eine Summe von … hoppla!«

Emily lehnte sich angespannt vor. »Was ist? Ist das Konto im Minus?«

»Nein, ganz im Gegenteil, Miss. Auf diesem Konto befinden sich hundertfünfundzwanzigtausend Pfund!«

Ihre Kinnlade klappte herunter. »Meine Mutter hatte so viel Geld?«

»Ja. Genauer gesagt haben Sie jetzt so viel Geld.« Er lächelte sie aufmunternd an.

»Davon kann ich die Beerdigung bezahlen. Ach nein, das ist ja schon geregelt.«

»Ich würde sagen, davon können Sie noch eine ganze Menge mehr bezahlen. Miss Watson, Sie sind jetzt eine wohlhabende Frau.«

In diesem Moment legte seine Kollegin ihm einen Faxausdruck auf den Tisch. Emily erkannte sofort die Kopie des Testaments ihrer Mutter.

»Schön. Jetzt kann ich das Konto auf Sie überschreiben. Oder möchten Sie das Geld auf Ihr eigenes Konto überwiesen haben und dieses schließen?«

Emily entschied sich dafür, das Konto zunächst zu behalten, und erhielt wenig später die volle Verfügungsgewalt darüber.

Als sie die Bank schließlich verließ, war sie reich und so verwirrt wie nie zuvor in ihrem Leben.

 

 

3

 

Es klopfte leise an der Tür, als Emily auf ihrem Bett in der Pension saß und sich die Haare mit einem Handtuch trocken rubbelte. Sie war völlig durchnässt dort angekommen und hatte von Mrs Mallon strikte Anweisung erhalten, sofort eine heiße Dusche zu nehmen und sich trockene Kleidung anzuziehen. Zum Glück war sie schon angezogen, sodass sie schnell die Tür öffnen konnte. Mrs Mallon stand auf dem Flur und war gerade im Begriff, ein kurzes Gespräch mit Mr Eckamp zu beginnen, der sich offensichtlich auf dem Rückweg in sein Zimmer befand. In den Händen hielt die Hauswirtin ein Tablett mit einem großen Teller von ihrer Hühnersuppe mit Ei.

»Mr Eckamp, wie schön, Sie zu sehen! Ah, Sie sind wenigstens trocken geblieben. Möchten Sie vielleicht einen kleinen Snack zum Mittagessen? Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich unseren neuen Gast etwas verwöhne. Sie ist durcheinander und kam völlig durchnässt zurück, deswegen bekommt sie ausnahmsweise Suppe auf ihr Zimmer gebracht. Sie haben doch nichts dagegen? Die junge Frau muss schließlich bei Kräften bleiben, nach allem, was sie erlebt hat …«

Sie plapperte munter weiter, während die Suppe in dem Teller gefährlich schwappte. Emily sah zuerst auf den Teller, dann auf Mrs Mallon und schließlich zu Mr Eckamp, der sich ein Lachen offensichtlich kaum noch verkneifen konnte. Ihre Blicke begegneten sich, und nun musste auch Emily an sich halten. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich leicht und schien danach zu betteln, von dem Gespräch erlöst zu werden. Emily grinste und nickte leicht, da ihre Hauswirtin gerade Mr Eckamp ansah.

»Misses Mallon, ich danke Ihnen herzlich für die Suppe. Das ist wirklich sehr lieb von Ihnen. Kommen Sie, ich nehme Ihnen das Tablett ab. Ich verspreche, ich werde ganz vorsichtig essen, damit nichts im Zimmer verkleckert wird. Mister Eckamp, es ist schön, Sie kennenzulernen! Haben Sie noch einen schönen Tag.«

Sie lächelte beide Personen strahlend an und schloss dann langsam wieder ihre Zimmertür. Immerhin, die Begegnung hatte ein Lächeln auf ihr Gesicht gezaubert und ihr eine anscheinend sehr nette neue Bekanntschaft beschert. Vielleicht fand sie am nächsten Morgen beim Frühstück Gelegenheit, sich mit ihrem Zimmernachbarn zu unterhalten.

Zunächst aber setzte sie sich an den kleinen Tisch am Fenster und löffelte genüsslich die köstliche Brühe. Es war dieselbe Suppe wie am Vorabend, nur aufgewärmt, was der Sache aber keinen Abbruch tat. Große Stücke Hähnchenfleisch schwammen in der reichhaltigen Brühe, dazu etwas Ei, Nudeln, Suppengemüse und Champignons. Sofort wurde ihr von innen heraus warm, und das Zittern, das sie seit dem Besuch beim Anwalt nicht losgelassen hatte, legte sich endlich.

Nachdem sie aufgegessen hatte, starrte Emily nachdenklich aus dem Fenster. Sie hatte noch kurz mit Mr Caine telefoniert und ihn damit beauftragt, alle nötigen Anrufe zu tätigen, das Arbeitsverhältnis zu kündigen und alles zu erledigen, was nicht direkt mit dem Cottage in Verbindung stand, denn davon musste sich die junge Frau erst selbst ein Bild machen. Nun überlegte sie fieberhaft, ob sie am Nachmittag zuerst zum Cottage fahren oder zunächst die Familiengruft auf dem Friedhof aufsuchen sollte. Beides war wenig verlockend. Sie wusste, dass sich im Cottage gegebenenfalls Spuren des Todes ihrer Mutter finden lassen würden, und dass es unter Umständen auch nach selbigem roch. Schon bei dem Gedanken daran musste sie beinahe würgen. Außerdem fürchtete sie sich sehr vor den Erinnerungen, die in dem Haus auf sie einstürmen würden. Die Aussicht, auf dem Highgate Friedhof herumzuirren, war beinahe noch schlimmer. Friedhöfe hatten seit jeher angsteinflößend auf Emily gewirkt. Sich dieser uralten Stätte des Todes nähern zu müssen jagte ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken. Trotzdem blieb zu hoffen, dass sie der Besuch dort weniger lang in Anspruch nehmen würde als die Besichtigung des Cottage. Daher entschied sie sich, zuerst dort nach dem nächsten Puzzleteil der Schnitzeljagd zu suchen. Sie wollte den gruseligeren Teil des Ganzen hinter sich haben.

 

Eineinhalb Stunden später kam Emily schließlich beim Highgate an, nachdem sie sich mehrmals verfahren hatte. Nach Jahren der Abwesenheit war es nicht so leicht, sich in der Metropole London zurechtzufinden. Als sie es schließlich geschafft hatte, wollte man ihr zunächst zwingend eine Führung über den Friedhof ans Herz legen, die sie eindringlich mehrere Male ablehnen musste, bevor der Friedhofsverwalter sich erklären ließ, dass er ihr lediglich die Nummer und Lage der Familiengruft der Watsons mitteilen sollte. Da ihr weder die Nummer etwas sagte noch der Lageplan dazu geeignet schien, sie ohne Probleme durch das Labyrinth der Gräber, Skulpturen und Mausoleen zu führen, erklärte der Friedhofsverwalter sich schließlich widerwillig bereit, ihr das Grab persönlich zu zeigen.

Immerhin hatte es aufgehört zu regnen, sodass sich Emily den Friedhof ansehen konnte, ohne unter einem Regenschirm hervorlugen zu müssen. Hier und da machte sie Orientierungspunkte aus, anhand derer sie auf eigene Faust erst hinaus, aber zu einem späteren Zeitpunkt auch selbst wieder zur Gruft zurückfinden wollte.

Ihr Blick fiel unter anderem auf das Grab von Karl Marx, das unübersehbar war mit der gewaltigen Bronzebüste und der Inschrift auf dem Sockel: ›Workers of all Lands unite‹.

Eine plötzliche Frage tauchte in Emilys Kopf auf. »Wie ist es möglich, dass wir hier eine Familiengruft haben, die jetzt wieder benutzt wird? Der Friedhof scheint doch mehr eine Art Museum zu sein und die Gräber alle uralt. Ich wusste nicht, dass er noch … aktiv benutzt wird.«

»Es ist seltener geworden, das stimmt. Aber die Gruft, nach der Sie suchen, ist ja auch schon sehr alt. Wussten Sie das nicht? Sie ist seit Generationen im Besitz Ihrer Familie, und seit Generationen wurde für ihren Erhalt bezahlt. Dass Ihre Mutter nun dort bestattet werden will, ist vollkommen legitim.«

Emily sah den knorrigen Friedhofsverwalter überrascht an. »Sie meinen … es ist eins von den alten Gräbern, im westlichen Teil der Anlage?«

Der Mann nickte und bog dann auch schon ab in jenen Teil, der zu Gruselgeschichten und Albträumen inspirierte und schon oft als Kulisse von Horrorfilmen gedient hatte. Emily lief ein Schauer über den Rücken. Bei Sonnenschein mochte dieser Teil des Friedhofs verwunschen und märchenhaft aussehen, doch der Himmel war dick mit Wolken verhangen, von den Bäumen und Grabsteinen tropfte der Regen, und die Erde war aufgeweicht und gab schmatzende Geräusche von sich, wenn man darüber lief. Außerdem konnte es nicht mehr allzu lange dauern, bis die Abenddämmerung einsetzte.

Sie passierten ein riesiges Mausoleum, dessen dunkler, von mächtigen Säulen gesäumter Eingang Emily bedrohlich entgegen gähnte, und liefen unter einer alten Zeder entlang, die einen mit ihrem enormen Gewicht zu erdrücken drohte. Einmal mehr hatte Emily das Gefühl, sich in einem Albtraum zu befinden, aus dem es kein Erwachen gab. Sie wünschte sich sehnlichst in ihre New Yorker Wohnung zurück, in das echte Leben, in dem sie Schüler unterrichtete, die sich manchmal in sie verliebten, in dem sie mit ihren Freundinnen Cocktails trank, italienisches Essen genoss und abends gemütlich in ihrer freundlichen Wohnung an neuen Kriminalromanen feilte, die jedoch nichts mit dem Schrecken eines Ortes wie dem Highgate Friedhof zu tun hatten.

Als sie die Gruft der Watsons endlich erreicht hatten, war Emily mit den Nerven bereits ziemlich am Ende.

»Ich geh dann mal, Miss. Wenn eine Führung durchkommt, sagen Sie denen, ich hab Sie hergebracht. Sie finden den Weg zurück schon. Es sind auch Schilder angebracht, sehen Sie?«

Der Friedhofsverwalter deutete auf ein Schild mit der Aufschrift Exit an der nächsten Weggabelung, das einen Pfeil in die entsprechende Richtung bildete.

»Noch etwas: Laufen Sie nicht zwischen den Grabstätten herum. Sie könnten sich verirren und bis zur Dunkelheit nicht mehr hinausfinden. Niemand bleibt nach Einbruch der Dunkelheit freiwillig auf dem Highgate.«

Emily wagte nicht, daran zu denken, was er mit dieser Äußerung meinte, und zog es vor, auch nicht danach zu fragen.

Dann war sie plötzlich alleine mit sich und den Jahrhunderte alten Gräbern unzähliger Verstorbener. Wichtige Persönlichkeiten waren hier bestattet.  Seltsamerweise machte ihr der Gedanke an die Verstorbenen keine Angst. Es waren vielmehr die architektonischen Meisterleistungen an sich, die sich ihr bedrohlich zu nähern schienen.

Die Gruft der Watsons war beinahe lächerlich klein im Vergleich zu anderen Gewölben und Mausoleen auf dem Friedhof. Ein schlichtes, kirchenartiges Gebilde im gotischen Stil, eine Kapelle im Miniaturformat, versehen mit einer einfachen, massiven Holztür. Emily drückte die Klinke herunter und zuckte erschrocken zurück: Die Tür war nicht abgeschlossen. Sie schalt sich selbst für ihre Dummheit. Was hätte sie schon bei einer Gruft gesollt, die man nicht betreten konnte!

Ihr schauderte vor dem Gang hinein, und das Herz schlug ihr bis zum Halse. Was hätte sie dafür gegeben, nun einen starken Mann an ihrer Seite zu haben. Nicht den Verwalter. Einen Partner, dem sie vertraute und der sie beschützte. Aber es gab niemanden, der sie beschützen würde. Sie war, wie immer, auf sich allein gestellt.

Plötzlich kam ihr ein tröstender Gedanke. Es mochte albern sein, aber sie holte das Silberkreuz aus ihrer Handtasche und hielt es fest in der Hand, während sie nun die Türe öffnete, die Taschenlampe einschaltete, die der Verwalter ihr für zehn Pfund verkauft hatte, und langsam die brüchige, alte Steintreppe in die Gruft hinunterstieg.

Als sie unten ankam, atmete sie zunächst erleichtert auf. Sie hatte damit gerechnet, dass uralte, halb verfallene Särge offen aufgebahrt waren. Doch was sich ihr bot, war ein weitaus angenehmeres Bild: Särge und Urnen waren in Öffnungen in den Wänden eingelassen und mit Steinplatten versiegelt worden, die als Grabsteine  dienten. Alles, was man sah, waren also beschriftete Steinplatten rechts und links, die in regelmäßigen Abständen Bestandteil der Wände waren.

Nachdem sie sich an den intensiv modrigen Geruch gewöhnt hatte und wieder frei atmen konnte, holte Emily den Zettel aus dem Schließfach aus ihrer Handtasche hervor. Sie wollte das hier schnellstmöglich erledigen und den Friedhof dann wieder verlassen. Sie lenkte den Schein der Taschenlampe auf das Stück Papier und las noch einmal die Notiz ihrer Mutter.

»Edward Paul George Watson. Wo bist du …? Wenn Mama dich hier vermerkt hat, musst du tot sein und hier irgendwo liegen.«

Sie ging die Grabsteine einzeln ab, bis sie den richtigen Stein gefunden hatte. Es war das zweitälteste Grab. Dieser Urahn war vor fast dreihundert Jahren gestorben!

»Herr im Himmel, was hat denn das jetzt schon wieder zu bedeuten?«

Sie strich vorsichtig über die Schrift des verwitterten Steins. Der Name war zwar nur noch undeutlich zu erkennen, aber es war eindeutig der Gesuchte. Er war außerdem kleiner geschrieben als die auf den anderen Grabsteinen, weil ein Gedicht darunter gesetzt worden war. Als Emily es las, stockte ihr der Atem und sie konnte nur knapp dem Bedürfnis widerstehen, schreiend aus der Gruft zu rennen.

 

Er ließ sein Leben für die Seinen,

Die in Trauer um ihn weinen.

Fürchtet euch vor dem Engel der Rache!

Wenn der Letzte hat gebüßt,

Der Fluch der Rache ist gelöst!

 

 

Für Emily klang das, als hätte es für irgendjemanden keine Chance gegeben, zu entkommen.

Plötzlich fiel ihr der Brief ihrer Mutter ein und dass auch sie darin von einem Fluch gesprochen hatte. Sie musste dieses Gedicht gemeint haben, sonst hätte sie nicht explizit auf diesen Grabstein verwiesen.

Vor Angst war Emily kaum noch fähig, klar zu denken. Sie nahm einen kleinen Notizblock aus ihrer Tasche und schrieb sich hastig den Namen des Verstorbenen, das Geburts- und Todesdatum sowie das Gedicht ab, während sie stoßweise und nur mit Mühe atmete, packte alles wieder zurück in die Tasche und wollte gerade die Gruft verlassen, als ihr etwas Merkwürdiges auffiel. Sie richtete die Taschenlampe erneut auf die anderen Gräber. Die Jahreszahlen hatten ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wenn dies eine Familiengruft war, in der alle Watsons bestattet wurden, wiesen diese Gräber Lücken auf. Lücken von etlichen Jahren, die teilweise Generationen übersprangen. Es konnte ein Zufall sein, und sicherlich waren einige Familienmitglieder auf anderen Friedhöfen beigesetzt worden. Doch so langsam bezweifelte Emily, dass hier überhaupt etwas als Zufall zu bezeichnen war.

Sie schritt alle Steine noch einmal ab und blieb vor dem direkt zum Fuße der Treppe stehen. Die Platte war leer und wurde nur von Holzkeilen gehalten. Emily wusste sofort, was das zu bedeuten hatte: In diesem Grab würde ihre Mutter beerdigt. Sie spürte, wie ihr schwarz vor Augen wurde. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Ohnmacht an und schaffte es mit zitternden Beinen gerade noch, die Treppe hinaufzusteigen und zurück an die frische Luft zu kommen.

 

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