Leseprobe „Costa und die kleinen Frauen“

„Costa und die kleinen Frauen“

An einem warmen Sommerabend saß Costa allein vor seinem Haus und genoss den frischen Bohneneintopf, den er sich zum Abendessen gekocht hatte. Costa war gerne allein.
Nur manchmal, in besonders schönen, traurigen oder einsamen Momenten, sehnte er sich nach einer Frau, mit der er die Launen des Lebens teilen konnte.
Er war weder besonders attraktiv, noch besaß er viel Geld. Nur das kleine, weiß gekalkte Haus am Meer und sein Fischerboot nannte er sein Eigen. Mit seinen vierzig Jahren wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, eine Familie zu gründen. Aber die Dinge waren, wie sie waren. Und Costa hatte sich längst damit abgefunden, allein durchs Leben zu gehen.

Als er nun seinen Eintopf aufgegessen hatte und den Teller zurück in die gemütliche Küche brachte, in der noch der Duft der Zwiebeln und des gekochten Gemüses hing, beschloss er spontan, auf den Dachboden hinaufzugehen. Dort befanden sich die Fotoalben seiner Familie. Seine Eltern waren früh gestorben und alle Erinnerungsstücke in seinen Besitz übergegangen, da er keine Geschwister oder andere Verwandten hatte.
Costas Stimmung war an diesem Abend ein wenig melancholisch, sodass er sich mit den Alben und einem Glas Wein auf die blau lackierte Holzbank vor seinem Haus in die untergehende Sonne setzen und in Erinnerungen schwelgen wollte.
Er holte seine Leiter, drückte dann mühsam die Speicherklappe nach oben und stieg in die winzige, dunkle Kammer hinauf. Es roch modrig. Der Küstenwind pfiff leicht durch die Dachbalken, als wolle er eine geheime, nur für Costa bestimmte Melodie singen.
Leicht gebückt, weil er zu groß war, um unter dem Dachfirst aufrecht stehen zu können, ging er zielstrebig auf die Ecke zu, in der er die Erinnerungsstücke aufbewahrte. Als er gerade den großen Karton mit den Alben öffnen wollte, leuchtete ihm plötzlich etwas Rotes entgegen. Verdutzt hielt er inne. Hatte sich da nicht etwas bewegt, in der Ecke, hinter der Kiste mit dem Gartenwerkzeug seiner Mutter?
Neugierig kam er näher, zog die Kiste ein kleines Stück zurück – und erschrak zutiefst: Hinter der Kiste stand ein winziges Wesen mit feuerroten Haaren und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen ängstlich an!
Costa traute seinen Augen kaum. Er wollte gerade nach dem kleinen Wesen greifen, um zu sehen, ob es echt war, als dieses flink davonrannte! Man konnte gerade noch die schwarzweiß geringelten Socken und die roten, vorn spitz zulaufenden Stiefelchen erkennen, bevor es um ein Regalbrett herumgerannt und verschwunden war.
„Das gibt’s doch nicht!“
Der Fischer kniete sich hin und griff mit einer Hand vorsichtig hinter das alte Holzregal, tastete sich mit den Fingern vor, bis er etwas Weiches, Nachgiebiges in der Hand hielt und es vorsichtig herauszog.

„Lass mich los! Was fällt dir ein! Lass mich sofort los!“ Eine Frau, gerade so groß wie ein Finger lang ist, mit feuerrotem Haar, hellgrüner Hose, einer ebenso grünen Bluse und rotglänzenden Stiefelchen hing, wild mit den kleinen Beinchen strampelnd, zwischen seinen Fingern.
Costa hielt sie sich etwas näher vor das Gesicht. Abgesehen von ihrer Größe sah die kleine Frau ganz normal aus. Nur die Ohrmuscheln liefen ein wenig spitz zu, ebenso wie ihre Nase.
„Wer bist du? Und was machst du auf meinem Dachboden? Wie kommst du denn hierhin?“
„Hey! Lass sofort meine Schwester los!“, rief es plötzlich aus der Ecke. Costa schaute noch einmal zu dem Regal, hinter der er die kleine Frau hervorgeholt hatte, und sah, dass dort eine zweite stand, die Hände wütend in die Seiten gestemmt!
Und plötzlich kamen sie überall hervorgekrochen, bis der Fischer schließlich neun kleine Frauen vor sich stehen hatte, die zehnte in der Hand – alle mit feuerroten langen Haaren und mehr oder weniger der gleichen Kleidung.
„Was macht ihr denn hier?“
Die Frau zwischen seinen Fingern boxte inzwischen ungeduldig auf seinen Zeigefinger ein, ohne dass Costa es wirklich gespürt hätte. Auch dass sie ihn einmal kräftig biss spürte er nur als vages Zwicken.
„Na, was glaubst du denn wohl! Wir leben hier! Was willst du von uns?“

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