Leseprobe „Wohin dein Herz dich trägt“

»Jetzt geh schon! Ich komme hier auch alleine klar! Mach dir einfach mal einen schönen Abend und entspann dich ein bisschen!« Tina Sommer musste ihre Chefin beinahe gewaltsam zur Tür hinausschieben.
Schon am Morgen hatte Sarah Westhoff, die Inhaberin des kleinen Buchladens, über Kopfschmerzen geklagt. Im Laufe des Tages waren sie erheblich schlimmer geworden, bis Sarah vor wenigen Minuten innerlich kapituliert und beschlossen hatte, früher nach Hause zu gehen und eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Das tat sie sonst nie, daher fühlte es sich für sie wie ein halber Weltuntergang an.
»Ich muss doch noch die Kasse …« Ihre Angestellte und beste Freundin winkte ab. »Das mache ich heute Abend, du kannst doch nicht mitten am Tag die Kasse machen!«
Sarah stand einen Moment unschlüssig herum und klapperte gedanklich die To Do – Liste ab, die der Laden ihr täglich bot, sah dann zweifelnd durch das bunt dekorierte Schaufenster hinaus in den Nieselregen, der den Dienstag schon seit Stunden immer grauer und trister machte.
Endlich nahm sie ihre Handtasche und ging mit einem Schulterzucken, strebte mit eingezogenem Kopf heimwärts.

Zu Hause angekommen, zog sie zunächst ihre durchnässten Sachen aus, bevor sie eine Tablette nahm und sich unentschlossen auf die Couch setzte. Minutenlang starrte sie Löcher in die Luft, schnippte unsichtbare Flusen von der beigen Oberfläche des Sitzpolsters. Regentropfen prasselten laut gegen die Fensterscheiben. Die feuchten Spuren auf dem Glas ließen die Welt draußen verschwommen und surreal wirken. Das einzige Geräusch abgesehen von dem Regen war das Ticken der Uhr, die an der Wand gegenüber des Fernsehgeräts hing und vor dem Hintergrund der New Yorker Skyline stetig und unerbittlich das Fortschreiten der Zeit demonstrierte.
Was taten normale Menschen, wenn sie früher als geplant nach Hause gingen? Sarah war es nicht gewohnt, viel Zeit zu haben. Ihre Tage und Wochen waren mit dem Geschäft, dem Abklappern von Buchmessen, nichtssagenden Dates und anderen Freizeitaktivitäten so ausgefüllt, dass sie selten eine Chance bekam, sich auch nur zwei Minuten zu langweilen oder sich gar Gedanken darüber zu machen, ob möglicherweise etwas in ihrem Leben fehlte.
Seufzend stand sie nach wenigen Minuten wieder auf und durchstöberte ihr Bücherregal auf der Suche nach einem Werk, das sie den Abend über unterhalten konnte, sobald das Hämmern in ihrem Hinterkopf nachgelassen haben würde. Dabei fiel ihr Blick unvermittelt auf einen Briefumschlag, der eingeklemmt zwischen zwei Büchern hing. Mit einem Stirnrunzeln zog sie ihn heraus.
»Leipzig 2008.«
Was war 2008 in Leipzig gewesen? Abgesehen von der Buchmesse natürlich. Moment, war da nicht …?
Von einer flüchtigen Ahnung befallen, öffnete sie den Umschlag und musste unwillkürlich lächeln. Natürlich. Der Abend in dem mexikanischen Restaurant. Mit dem Zeigefinger strich sie sanft über das Foto, schwelgte in der Erinnerung. Es war ein Gruppenfoto, auf dem sie mit Tina und drei Verlegern zusammen an einem Tisch saß. Vor ihnen waren halb leere Teller und einige ebenfalls nur noch unzureichend gefüllte Gläser verteilt, die von einem feuchtfröhlichen Abend zeugten. Da waren Robert Müller und Konstanze Hillmann, die nun schon seit Jahren nicht mehr in der Verlagsbranche tätig waren. Und … Sam Winslow, mit dem üblichen ihm eigenen Strahlen in den Augen. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde breiter. Wann immer dieser Mann einen angesehen hatte, war man nicht sicher gewesen, ob er sich lustig machte oder nur freundlich und interessiert war. Es hatte sie immer ein wenig irritiert – und stark angezogen.
»Sam.«
Sein Name klang gut, auch noch nach so vielen Jahren. Wann hatte sie zuletzt mit ihm gesprochen? Vor drei Jahren hatte er angerufen, auf dem Weg zu einer Buchmesse. Er hatte sich dort mit ihr treffen wollen, aber da sie zu dem Zeitpunkt in einer handfesten Beziehungskrise mit ihrem damaligen Freund steckte, war es ihr nicht möglich gewesen, sich loszueisen. Wenige Monate später hatte die Beziehung ein Ende gefunden.
Vor einem halben Jahr hatte Sarah Sam eine Email geschrieben. Ihn gefragt, wie es ihm ginge. Bislang hatte sie jedoch keine Antwort erhalten. Was nicht weiter besorgniserregend war. Sam hatte die Angewohnheit, Freundschaften nur unregelmäßig zu pflegen. Er war einfach nicht gut darin, wie er selbst eingestand. Sarah hatte das nie gestört. Sie wusste, dass er sich irgendwann melden würde.
Einem plötzlichen Impuls folgend ging sie zu ihrer Handtasche, fischte ihr Handy heraus und tippte eine SMS ein:

Hey großer Fremder, wie geht es Dir? Habe gerade an Dich gedacht. Liebe Grüße zwischen den Seiten, Sarah.

Zu ihrer großen Überraschung hatte sie nicht einmal Zeit, zum Bücherregal zurückzugehen, bis eine Antwort kam. Das Handy in ihrer Hand vibrierte, um Sarah auf die Textnachricht aufmerksam zu machen.

Hallo Büchermaus, es geht mir ganz gut. Das Leben ist manchmal verrückt. Können wir uns treffen? Vielleicht zu einem Spaziergang?

Sarah las die Nachricht dreimal. Er klang müde, zwischen den Zeilen. ›Das Leben ist verrückt‹? Was war da los?Mit plötzlich wild klopfendem Herzen sagte sie zu.

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