Leseprobe „Costa und die kleinen Frauen“

„Costa und die kleinen Frauen“

An einem warmen Sommerabend saß Costa allein vor seinem Haus und genoss den frischen Bohneneintopf, den er sich zum Abendessen gekocht hatte. Costa war gerne allein.
Nur manchmal, in besonders schönen, traurigen oder einsamen Momenten, sehnte er sich nach einer Frau, mit der er die Launen des Lebens teilen konnte.
Er war weder besonders attraktiv, noch besaß er viel Geld. Nur das kleine, weiß gekalkte Haus am Meer und sein Fischerboot nannte er sein Eigen. Mit seinen vierzig Jahren wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, eine Familie zu gründen. Aber die Dinge waren, wie sie waren. Und Costa hatte sich längst damit abgefunden, allein durchs Leben zu gehen.

Als er nun seinen Eintopf aufgegessen hatte und den Teller zurück in die gemütliche Küche brachte, in der noch der Duft der Zwiebeln und des gekochten Gemüses hing, beschloss er spontan, auf den Dachboden hinaufzugehen. Dort befanden sich die Fotoalben seiner Familie. Seine Eltern waren früh gestorben und alle Erinnerungsstücke in seinen Besitz übergegangen, da er keine Geschwister oder andere Verwandten hatte.
Costas Stimmung war an diesem Abend ein wenig melancholisch, sodass er sich mit den Alben und einem Glas Wein auf die blau lackierte Holzbank vor seinem Haus in die untergehende Sonne setzen und in Erinnerungen schwelgen wollte.
Er holte seine Leiter, drückte dann mühsam die Speicherklappe nach oben und stieg in die winzige, dunkle Kammer hinauf. Es roch modrig. Der Küstenwind pfiff leicht durch die Dachbalken, als wolle er eine geheime, nur für Costa bestimmte Melodie singen.
Leicht gebückt, weil er zu groß war, um unter dem Dachfirst aufrecht stehen zu können, ging er zielstrebig auf die Ecke zu, in der er die Erinnerungsstücke aufbewahrte. Als er gerade den großen Karton mit den Alben öffnen wollte, leuchtete ihm plötzlich etwas Rotes entgegen. Verdutzt hielt er inne. Hatte sich da nicht etwas bewegt, in der Ecke, hinter der Kiste mit dem Gartenwerkzeug seiner Mutter?
Neugierig kam er näher, zog die Kiste ein kleines Stück zurück – und erschrak zutiefst: Hinter der Kiste stand ein winziges Wesen mit feuerroten Haaren und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen ängstlich an!
Costa traute seinen Augen kaum. Er wollte gerade nach dem kleinen Wesen greifen, um zu sehen, ob es echt war, als dieses flink davonrannte! Man konnte gerade noch die schwarzweiß geringelten Socken und die roten, vorn spitz zulaufenden Stiefelchen erkennen, bevor es um ein Regalbrett herumgerannt und verschwunden war.
„Das gibt’s doch nicht!“
Der Fischer kniete sich hin und griff mit einer Hand vorsichtig hinter das alte Holzregal, tastete sich mit den Fingern vor, bis er etwas Weiches, Nachgiebiges in der Hand hielt und es vorsichtig herauszog.

„Lass mich los! Was fällt dir ein! Lass mich sofort los!“ Eine Frau, gerade so groß wie ein Finger lang ist, mit feuerrotem Haar, hellgrüner Hose, einer ebenso grünen Bluse und rotglänzenden Stiefelchen hing, wild mit den kleinen Beinchen strampelnd, zwischen seinen Fingern.
Costa hielt sie sich etwas näher vor das Gesicht. Abgesehen von ihrer Größe sah die kleine Frau ganz normal aus. Nur die Ohrmuscheln liefen ein wenig spitz zu, ebenso wie ihre Nase.
„Wer bist du? Und was machst du auf meinem Dachboden? Wie kommst du denn hierhin?“
„Hey! Lass sofort meine Schwester los!“, rief es plötzlich aus der Ecke. Costa schaute noch einmal zu dem Regal, hinter der er die kleine Frau hervorgeholt hatte, und sah, dass dort eine zweite stand, die Hände wütend in die Seiten gestemmt!
Und plötzlich kamen sie überall hervorgekrochen, bis der Fischer schließlich neun kleine Frauen vor sich stehen hatte, die zehnte in der Hand – alle mit feuerroten langen Haaren und mehr oder weniger der gleichen Kleidung.
„Was macht ihr denn hier?“
Die Frau zwischen seinen Fingern boxte inzwischen ungeduldig auf seinen Zeigefinger ein, ohne dass Costa es wirklich gespürt hätte. Auch dass sie ihn einmal kräftig biss spürte er nur als vages Zwicken.
„Na, was glaubst du denn wohl! Wir leben hier! Was willst du von uns?“

Mein Traum von Deinem Meer

Silvia zog das ausgeleierte Zopfgummi aus ihren Haaren und überließ die blond gelockten Strähnen den Launen des warmen Sommerwindes, der in kräftigen Böen über die Klippe fegte.

Das kleine Cottage, das sie nun für zwei Wochen ihr Eigen nannte, thronte mittig auf dem majestätischen Kreidefelsen, der sich als einer von vielen die Küste von Dorset entlangschlängelte. Nur ein kleiner Kiesweg, der von dem breiten, ausgetretenen Wanderpfad abging, verband das Haus mit der Außenwelt. Damit war es ideal für den Vorsatz, den Silvia Buchart zu Beginn ihrer Reise gefasst hatte: Sie wollte sich vor der Welt verstecken, zwei Wochen lang. Die Taschenbücher, die sich, bereits ausgepackt, auf dem rustikalen Couchtisch im Wohnraum türmten, legten Zeugnis davon ab, was die junge Webdesignerin in dieser Zeit tun wollte.

Bevor sie mit dem Vermieter des Cottages hinaufgegangen war, hatte sie sich im Supermarkt noch mit genügend Vorräten für mehrere Tage eingedeckt und Tüten voller Toast, Käse, frischem Gemüse und Kartoffelchips die Klippe hochgeschleppt, während der freundliche ältere Herr ihr Gepäck auf einer Sackkarre hinter sich hergezogen hatte.

Nun stand sie entspannt in dem kleinen Garten hinter dem Haus, der nur durch einen niedrigen weißen Gartenzaun vom Rest der Klippe abgetrennt war, und hörte dem Donnern der Wellen gegen die Klippen zu. Der salzige Geruch des Meeres wehte zu ihr herauf und vermischte sich mit dem Duft der wenigen widerstandsfähigen Blumen, die hier oben bei dem rauen Wetter gediehen.

Silvia ließ die vergangenen Wochen kurz Revue passieren, bevor die Gedanken endgültig mit dem Wind aufs Meer hinausgetragen wurden. Drei große Aufträge hatte sie erfolgreich abgeschlossen, Tage und Nächte durchgearbeitet. Und sich dabei immer häufiger gefragt, für wen oder was sie dies eigentlich tat. Bereits drei Beziehungen waren an ihrer Liebe zur Arbeit zerbrochen, und dann war, langsam und beinahe unbemerkt, eben diese Liebe auch noch erloschen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, stand Silvia vor den Trümmern ihres Lebens. Nur, dass das außer ihr selbst niemand zu bemerken schien, da alle nur die erfolgreiche deutsche Webdesignerin sahen, die sich einen Namen weit über die Landesgrenzen hinaus geschaffen hatte.

Ein Frösteln durchlief ihren Körper. Die junge Frau rieb sich über ihre Arme, bevor sie schließlich zurück ins Haus ging, sich einen Tee aufsetzte und entschied, welches Buch sie zuerst lesen wollte.

 

Nach einem entspannten ersten Urlaubstag machte Silvia an ihrem zweiten Abend in England einen kurzen Strandspaziergang, bevor sie den steilen Weg zurück auf die Klippe wanderte und früh ins Bett ging. Die vergangenen, anstrengenden Wochen machten sich nun doch langsam bemerkbar. Statt zu lesen, hatte sie schon den größten Teil des Tages geschlafen, und ihr Körper verlangte nach mehr.

Also gab sie ihm nach einem kurzen Abendessen, bestehend lediglich aus einer Tütensuppe und einer Schreibe Toast, was er brauchte, und kuschelte sich schon um kurz nach acht Uhr abends in die gemütliche Daunendecke ein, bevor sie schnell in einen tiefen Schlaf fiel.

 

Sie blinzelte und hob die Hand über die Augen. Dann erkannte sie, dass es tatsächlich der Mond war, der sie mit seinem hellen Schein geblendet hatte. Ungewöhnlich groß und hell stand er am Firmament und tauchte das Meer in silbernen Schein.

Wie von Wolken getragen schwebte Silvia über die Klippen hinweg und über das Meer. Der Wellenschlag war beinahe nicht zu sehen, so ruhig und windstill lag die See vor ihr. Fast sah es so aus, als würde das Mondlicht wie eine beruhigende Decke auf den Wellen liegen.

Und dann sah sie es. Zunächst glaubte sie, es wäre eine optische Täuschung. Doch das Glitzern wurde deutlicher. Umrisse wurden erkennbar. Mit einem Mal war es ihr völlig klar: Das Mondlicht beleuchtete silberne Kisten auf dem Meeresgrund!

Ein Schatz!, schoss es Silvia durch den Kopf. Magisch zog das geheimnisvolle Schimmern sie an, als würde es nach ihr rufen. Eine tiefe, alles verzehrende Sehnsucht stieg in ihr auf. Diese Kisten schienen für sie bestimmt zu sein. Sie wusste intuitiv, dass dort unten das Glück auf sie wartete. Alles würde gut werden, wenn sie nur imstande wäre, die silbernen Kisten an sich zu nehmen. Sie versuchte angestrengt, tiefer zu schweben, den Schatz zu erreichen. Sie wollte hinuntertauchen …

 

„Miss?“

Silvia schreckte aus dem Schlaf hoch. Wo war das Licht? – Alles war hell. War der Vollmond so klar? Nein … langsam kam sie zu sich. Es war Sonnenlicht, das den Raum durchflutete. Sonnenstrahlen tanzten auf ihrer Bettdecke, als würden sie nur darauf warten, dass Silvia aufstand und mit ihnen den Tag begrüßte.

„Miss? Sind Sie zu Hause?“

Silvia setzte sich auf und rieb sich über die Augen. Da war jemand an der Tür. Noch immer schlaftrunken quälte sie sich aus dem Bett, schlüpfte schnell in ihre Kingsize-Strickjacke und tapste die schmale, steile Treppe hinunter zur Haustür, mit jedem Schritt ein leises Knarren verursachend, wobei sie im letzten Moment daran dachte, den Kopf einzuziehen, bevor er an den dicken Querbalken in der Decke stoßen konnte.

Als sie die schwarz lackierte Holztür schließlich einen Spaltbreit öffnete, blickte Silvia in das freundliche Gesicht ihres Vermieters, der ihr zwei Flaschen Frischmilch entgegenhielt.

„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich Ihnen, Miss Buchart!“ Er sprach ihren Namen ‚Backart’ aus, was ihr ein Lächeln entlockte.

„Ich dachte, Sie würden vielleicht gern frische Milch zum Frühstück haben. Für Ihr Müsli oder Ihren Tee. Ist es nicht ein herrlicher Tag heute?“

Silvia versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Sonne stand bereits recht hoch am Himmel. Es musste ungefähr elf Uhr sein, und es war warm, der Himmel wolkenlos.

„In der Tat, Sir. Es ist wirklich ein schöner Morgen. Vielen Dank für die Milch. Sehr nett, dass Sie extra den Weg hergekommen sind.“

Der ältere Herr nickte freundlich, wünschte ihr noch einen schönen Tag und machte sich sogleich auf den Rückweg die Klippe hinunter, ohne sich mit weiterem Smalltalk aufzuhalten. Kopfschüttelnd ging Silvia wieder ins Haus. Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass sie noch im Halbschlaf war.

Ihr Traum …

Die Erinnerung daran kam nun zurück und hielt sie fest umklammert. Das Licht dieses besonderen Mondes. Das Gefühl, dass der Schatz geradezu nach ihr rief, und diese unfassbare, körperlich spürbare Dringlichkeit … Silvia konnte sich nicht daran erinnern, je einen so realen, intensiven Traum gehabt zu haben. Sie hatte tatsächlich das Gefühl verspürt, über dem Wasser zu schweben. Hinabtauchen zu können, um die Kisten zu erreichen. Und sie hatte es mit einer Vehemenz gewollt, als würde ihr Leben davon abhängen.

Völlig von ihrem Kopfkino gefangen genommen, trat sie hinaus auf die Terrasse und ließ ihren Blick über das Meer streifen. Die Sonne glitzerte einladend auf den Wellen. Silvia erinnerte sich daran, im Traum über das Wasser geschwebt zu sein, leicht wie eine Feder. Und auch jetzt … ihr Bauchgefühl schrie geradezu danach, aufs Meer hinauszufahren. Es war, als würde ein völlig neuer Instinkt sie plötzlich wach rütteln. Was, wenn es wahr war …?

Was, wenn die Magie dieses Ortes, die sie schon mehrmals gespürt hatte, solche Dinge tatsächlich möglich machte? Die Realistin in ihr wusste, dass es nicht sein konnte. So etwas gab es nicht! Doch in einem kleinen Winkel ihres Bewusstseins hörte sie eine Stimme, die ihr eindringlich zurief, dass sie sich das nicht einbildete. Sie musste einfach herausfinden, was es mit dem Traum auf sich hatte. Sonst würde sie nicht mehr zur Ruhe kommen!

Plötzlich hellwach sprang die junge Frau die schmale Treppe wieder hinauf und zog sich in Windeseile an. Sie konnte das nicht ignorieren, auch wenn es noch so dumm zu sein schien! Was, wenn dort, jenseits der Klippen, tatsächlich ein Schatz auf dem Meeresboden lag, und es ihr bestimmt war, ihn zu finden?

 

Eine halbe Stunde später hatte sie schließlich den örtlichen Pub erreicht und trat mit zögernden Schritten ein. Nur eine gute Handvoll Männer befand sich in dem kleinen Lokal, dem man sein Alter deutlich ansah. Fischereizubehör hing überall an den Wänden und den dunklen Holzbalken, die die Decke stützten. In dem großen, unter der Decke gespannten Netz hingen überdimensional große Seesterne, Teile einer Takelage und ein alter Plastikfisch.

Während sich die schwere Holztür hinter ihr schloss, musterten die meisten Fischer Silvia neugierig von oben bis unten. Glücklicherweise beugte der Mann hinter der Bar einer peinlichen Stille vor und sprach sie schnell an: „Guten Morgen, Lady. Bisschen ungewöhnliche Uhrzeit für einen Besuch im Pub. Oder wollen Sie’n Frühstück?“

Silvia schüttelte den Kopf und trat schnell an den Tresen, um die neugierigen Blicke nur noch im Rücken zu spüren, aber nicht mehr sehen zu müssen. „Bitte entschuldigen Sie, Sir. Aber … hier gibt es sicher eine Menge Fischer, oder?“

Gelächter um sie herum bestätigte ihren Verdacht, dass die Frage überflüssig gewesen war.

„Lady, das ist ein Fischerdorf. Was sollte es hier wohl sonst geben, wenn nicht Fischer?“

Silvia nickte und fuhr sich nervös mit der Hand durch die blonden Locken. „Ja, richtig. Ich meine … ich bräuchte jemanden, der mir helfen kann, etwas auf dem Meeresboden zu finden.“

Schlagartig war es im gesamten Pub mucksmäuschenstill. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Nun waren erst recht die Blicke sämtlicher Fischer auf sie gerichtet.

„Was genau suchen Sie denn, Madam?“

Die Frage kam von einem Mann am anderen Ende der Theke. Er war ungefähr Mitte vierzig und hatte schütteres braunes Haar. Seine vom vielen Kautabakkauen bräunlich verfärbten Zähne zogen unwillkürlich Silvias Blick auf sich.

„Außer Muscheln werden Sie da unten nämlich nicht viel finden. Wenn Sie mal Muscheln fangen wollen, können Sie aber gern auf meinem Kutter mit rausfahren.“

Silvia schüttelte sofort entschieden den Kopf und ignorierte sein lüsternes Grinsen. „Vielen Dank, aber ich suche etwas Bestimmtes. Ich habe … Grund zu der Annahme, dass sich dort draußen etwas sehr … Wichtiges befindet.“

Fast hatte sie es erwartet, das raumfüllende Gelächter.

„Bitte … ich weiß, dass sich das seltsam anhört. Aber … vor den Klippen liegt … etwas sehr Wertvolles. Ich brauche jemanden mit Tauchgeräten und einem Sonar, um danach zu suchen.“

Schallendes Lachen war erneut die Antwort, bevor sich der Schankwart über den Tresen lehnte und ihr ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit zuschob. „Hier, Lady. Trinken Sie das erst mal. Macht den Kopf wieder klar.“

Silvia sah erst auf das Glas, dann auf den Mann hinter der Bar. Was soll’s, dachte sie, und kippte den Whisky in einem Schluck herunter, spürte, wie die Wärme des scharfen Alkohols langsam in ihren Bauch floss und sie komplett ausfüllte. Lautes Grölen und anerkennendes Hämmern von Fäusten auf die Tischplatten war die Belohnung für ihren Mut.

„So, und jetzt erzähl uns noch mal alles von vorn, Schätzchen.“

Silvia sah den Mann wütend an. Noch einmal würde sie sich sicherlich nicht auslachen lassen!

„Gibt es hier nun jemanden, der tauchen kann, oder nicht?“

Der Schankwart nickte kurz zu einem jungen Mann rüber, den sie bis dahin schlicht übersehen hatte. Er saß allein an einem Ecktisch am Fenster und war scheinbar in die Lektüre einer Tageszeitung vertieft.

„Unser David hat ne Tauchausrüstung. Ist auch der Einzige in der Gegend. Versuchen Sie Ihr Glück.“ Er lachte laut auf, bevor er anfing, mit einem feuchten Lappen die bereits saubere Theke abzuwischen.

Silvia wollte keine Zeit vergeuden und den Pub mitsamt den Männern darin schnellstmöglich wieder verlassen. Zügig ging sie auf den Fischer zu und blieb so lange vor dem Tisch stehen, bis er den Blick von der Zeitung hob und ihr ins Gesicht sah. Zwei tiefblaue, strahlende Augen ließen sie für eine Sekunde sprachlos werden.

„Was gibt’s?“ Sein Tonfall ließ nicht die Spur von Interesse vermuten.

Silvia rümpfte imaginär die Nase. Wow. Englische Höflichkeit suchte sie in diesem Kaff anscheinend vergebens.

„Sie können tauchen und haben ein Sonargerät?“

Der junge Mann musterte sie skeptisch und ließ seinen Blick ungeniert über ihre Silhouette gleiten. „Ja, warum?“

„Ich muss etwas auf dem Meeresboden suchen. Bitte helfen Sie mir dabei.“

Entspannt lehnte er sich zurück, pulte in aller Seelenruhe ein Stück Frühstücksspeck zwischen seinen Zähnen hervor und spülte es mit einem Schluck Tee herunter, bevor er ihr antwortete: „Und was genau suchen Sie hier bei uns auf dem Grund, Miss?“

Die Betonung seiner Frage ließ keinerlei Zweifel daran, dass er sie nicht im Mindesten ernst nahm.

„Einen Schatz.“ Sie gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt, als seine Mundwinkel zuckten. „Jetzt lachen Sie nicht auch noch! Ich weiß, es klingt unwahrscheinlich, aber ich weiß einfach, dass er da draußen ist! Ich habe davon geträu… ich habe hinreichenden Grund zu der Annahme, dass dort draußen Kisten liegen und nur darauf warten, gehoben zu werden.“

Der Fischer wandte sich kopfschüttelnd wieder seiner Zeitung zu. „Lady, ich weiß nicht, wo Sie herkommen, aber vielleicht sollten Sie nicht so viele schlechte Filme gucken.“

Erneut schallte Gelächter durch den Pub. Silvia blieb unschlüssig vor dem Tisch stehen. Der Schankwart hatte gesagt, dieser Kerl sei der einzige Fischer mit einer Tauchausrüstung in der Umgebung. Was im Klartext bedeutete: Wenn sie tatsächlich an den Schatz glaubte, und aus irgendeinem Grund tat sie das, dann war er der Einzige, der ihr bei der Suche danach helfen konnte.

Es dauerte nur wenige Sekunden, eine Entscheidung zu treffen. „Bitte, Sir. Ich … ich kann Sie bezahlen. Eintausend britische Pfund.“

Was, wenn man es genau nahm, ein Viertel ihres gesamten Ersparten war. Warum tat sie das? Silvia konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Aber ihr Instinkt verriet ihr, dass sie nicht zweifeln durfte. Etwas in ihr wusste einfach, dass es richtig war.

„Wie bitte? Sie wollen mir eintausend Pfund dafür geben, dass ich den Meeresboden abgrase?“ Dem Gesichtsausdruck des jungen Mannes war abzulesen, dass er es kaum fassen konnte. Ob es die Verrücktheit der jungen Frau war oder das Glück, so leicht an viel Geld zu kommen, war schwer zu sagen.

Unvermittelt stand er auf, und Silvia stellte nun mit einer guten Portion Respekt fest, dass er sie um mehr als eine Kopfhöhe überragte, breite Schultern und muskulöse Arme hatte. Sein schwarzes Haar fiel ihm ungekämmt in die Stirn, was zugegebenermaßen ziemlich attraktiv aussah. Silvia versuchte, mittlerweile etwas eingeschüchtert, diese Tatsache zu ignorieren.

„Schön. Wenn Sie das Geld unbedingt für nichts und wieder nichts loswerden wollen … ich kann’s brauchen. Ist Ihnen morgen früh recht? Bei Sonnenaufgang?“

Silvia nickte perplex. Es war ihr immer wieder unbegreiflich, wie schnell Menschen für Geld ihre Meinung änderten. „Perfekt. Soll ich irgendwas mitbringen?“

Der junge Mann grinste breit. „Das Geld. Und Sachen für einige Tage. Übrigens, mein Name ist David Ackland.“

Silvia sah ihm hinterher, als er selbstsicher und ohne Eile den Pub verließ und den Schankwart zum Abschied mit einem knappen Kopfnicken grüßte.

Da nun wieder aller Augen auf sie gerichtet waren, tat sie es David Ackland gleich, ohne die anderen Männer eines weiteren Blickes zu würdigen. Und bemerkte auf diese Weise nicht, wie sich ein ungepflegter Mann Ende vierzig, der in einer Ecke der Bar zusammengekauert gehockt und das Gespräch verfolgt hatte, plötzlich zu voller Größe aufrichtete und den beiden unauffällig folgte. Seine Augen funkelten, und seine Schritte waren so leicht wie seit Jahren nicht mehr.

Das Dunkle Erbe

Als Emily die Kanzlei betrat, war sie von der angenehmen Atmosphäre überrascht und ließ ihre Wut langsam abklingen. So kühl die Empfangshalle des Gebäudes gewesen war, so warm und einladend waren diese Räumlichkeiten. Eine Holzvertäfelung verlief auf halber Höhe an sämtlichen Wänden entlang, die Tapete darüber war hellgelb. An beinahe jeder Wand hingen farbenfrohe Kunstdrucke, und in dem kleinen Wartebereich luden tiefe, cremefarbene Ledersessel dazu ein, gemütlich in den vorhandenen Zeitschriften zu blättern. Emily warf einen Blick auf das Angebot: Segel- und Pferdezeitschriften, Prospekte für die Haus- und Gartengestaltung, ein paar Klatschblätter. Anscheinend war alles darauf abgestimmt, sich als Mandant wohlzufühlen. Sie konnte gut verstehen, dass ihre Mutter sich an diese Kanzlei gewendet hatte. Bei dem Gedanken an sie verspürte Emily wieder einen Stich im Herzen. Sie fand jedoch keine Gelegenheit, sich weiter in Trauer zu vertiefen, da nun ein Herr um die Sechzig mit großen Schritten und einer einladenden Geste auf sie zukam und die junge Frau herzlich anlächelte. Er war mit Sicherheit eins achtzig groß, hatte breite Schultern und ein markantes Gesicht, das von vollem, grauem Haar eingerahmt wurde. Seine sympathische Ausstrahlung war raumfüllend und vertrauenerweckend. Weiterlesen

Der Fluch der Sirene

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Regenwolken hingen tief und dunkel am Himmel, als Cindy die Augen aufschlug.
Sie versuchte, den Kopf zu heben, fiel aber, von einer Welle des Schwindels erfasst, auf den Teppich zurück. Benommen wunderte sie sich, warum sie dort lag, und nicht auf dem Sofa. Jetzt erst spürte sie den stechenden Kopfschmerz, der sich vom Hinterkopf über ihr Gesicht auszubreiten schien. Mit einem bitteren Geschmack im Mund ließ sie ihren Blick durch das gemütlich eingerichtete Zimmer zum Couchtisch gleiten, in der Hoffnung, ihr noch halb gefülltes Wasserglas zu finden.
„Oooh, verdammt.“ Weiterlesen